Der CEO der tschechischen Sparkasse, der Österreicher Gernot Mittendorfer, ist kein Bankier, der unkalkulierbare Risiken eingeht.
23.03.2009,
Neue Zürcher Zeitung
Mit klassischen Geschäften zum Erfolg
Der Bankier Mittendorfer vertraut dem Bankenplatz Tschechien
ruh. Prag, Mitte März
Es mögen turbulente Zeiten sein gerade im Finanzsektor, doch Gernot Mittendorfer fühlt sich wohl als Bankier. Warum auch nicht - die in die österreichische Erste Bank Group integrierte Ceska Sporitelna (Tschechische Sparkasse), die er als CEO und Vorstandsvorsitzender führt, hat erst gerade das beste Jahresergebnis in ihrer ganzen Geschichte bekanntgeben können. Ein Ergebnis, das etwas quer in einer europäischen Bankenlandschaft zu stehen scheint, von der es in der letzten Zeit wenig Positives zu vernehmen gab.
Für Mittendorfer ist das Rekordergebnis allerdings kein Zufall. «Im tschechischen Bankensektor können sich derzeit alle Beschäftigten gut fühlen, denn der hiesige Markt hat substanzielle Vorteile», sagt er. Das Sparvolumen sei traditionell hoch, und sein Haus habe ausreichend Liquidität sowie ein klassisches, direktes Kundengeschäft. Der Sektor hatte in den 1990er Jahren grosse Probleme, was ihn darauf, wie er im Gespräch meint, vorsichtig werden liess. Investment Banking und andere volatile Bereiche hätten nie grosse Anteile an den Erträgen gebildet. Das klassische Geschäft habe ausreichend Wachstumsmöglichkeiten geboten, so dass ein Ausweichen in risikoreichere Geschäftsmodelle nie ein grosses Thema gewesen sei. Entgegengekommen dürfte dem Bankensektor in den letzten Jahren auch sein, dass der Bereich der Vermögensverwaltung in Tschechien erst zaghaft im Aufbau begriffen und damit im Unterschied etwa zu einigen westlichen Finanzsystemen noch kein tragender Teil des Geschäfts war, als die Krise einsetzte.
Die Gelassenheit, mit welcher der studierte Jurist und Finanzspezialist Mittendorfer im Chefsessel der grössten tschechischen Retail-Bank Fragen beantwortet, steht in auffälligem Kontrast zum pauschalen Image als potenzieller Krisenherd, das der Region Ostmitteleuropa von einigen internationalen Medien unlängst verpasst worden ist. «Vereinfachung ist eine natürliche Sache, wenn schlechte Nachrichten die Runde machen», betont Mittendorfer. «Doch inzwischen hat sich die Nervosität etwas gelegt, und es wird mehr differenziert. Ich bin überzeugt, dass sich mittelfristig der Blick auf Fundamentaldaten durchsetzen wird und solide abgestützte Volkswirtschaften wie etwa die tschechische als solche anerkannt werden.» Profitieren wird Tschechien dabei zweifellos davon, dass Kredite in Fremdwährung, etwa in Euro oder in Schweizerfranken, hier nie eine Popularität wie in Polen oder Ungarn erreichten und das jüngste Nachgeben der Landeswährung sich deshalb weit weniger dramatisch ausgewirkt hat. Die Zinsdifferenz war laut Mittendorfer in den letzten Jahren nie gross genug, um solche Kredite attraktiv werden zu lassen - und früher, als sie es gewesen wäre, war das Produkt noch nicht im Angebot.
Sein Vertrauen in die Solidität des Bankenplatzes Tschechien schöpft Mittendorfer nicht zuletzt aus seiner detaillierten Kenntnis von dessen jüngerer Geschichte. Er war dabei, als die Erste Bank für die Privatisierung der Ceska Sporitelna 1999 ihre Due-Diligence-Studie ausarbeitete, und begleitete nach der erfolgreichen Übernahme in Prag den Corporate-Bereich der neuen Erste-Tochter. Nach einem Zwischenspiel als Chef der Salzburger Sparkasse (ebenfalls als Teil der Erste Bank Group) kehrte er 2007 nach Prag zurück, um in die Fussstapfen des Amerikaners Jack Stack zu treten, der die Ceska Sporitelna zuvor erfolgreich geführt hatte und als schillernde Figur so etwas wie «Celebrity»-Status genoss. Als Österreicher Nachfolger eines Amerikaners und das alles in Tschechien - ein Zusammenprall von Kulturen? «Die amerikanische Mentalität ist schon anders, wird in Tschechien jedoch als positiv empfunden. Ich bin ein ganz anderer Typ, doch kam mir entgegen, dass ich schon mit meinem Vorgänger im Vorstand gearbeitet hatte und man mich kannte.» Und was die Anpassung an landestypische Umstände angehe, seien die österreichische und die tschechische Mentalität ja sehr verwandt. Das klingt aus Mittendorfers Mund umso glaubwürdiger, als er das Gespräch bald zu beenden trachtet, um einer urtschechischen Leidenschaft zu frönen, dem Eishockey. Das entscheidende Eishockey-Play-off zwischen der Prager Slavia und Vitkovice, das nun beginnt, will er sich nicht entgehen lassen.
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