Wirtschaft im Gespräch

Olivier Blanchard wurde vom geschäftsführenden Direktor Dominique Strauss-Kahn vom MIT zum IMF geholt.

Olivier Blanchard wurde vom geschäftsführenden Direktor Dominique Strauss-Kahn vom MIT zum IMF geholt.

16.03.2009,

Neue Zürcher Zeitung

Noch nimmt der Konjunkturpessimismus zu

IMF-Chefökonom Olivier Blanchard erwartet eine lange Rezession

wm. Washington, im März
Im vergangenen Spätherbst hatte Olivier Blanchard, seit dem 1. September Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IMF), die Wahrscheinlichkeit einer grossen konjunkturellen Depression als sehr gering bezeichnet. Darauf angesprochen, gibt er freimütig zu, das Depressionsrisiko damals unterschätzt zu haben. Auch fürchte er jetzt, dass mit einer langen Rezession zu rechnen sei. Den Meinungsumschwung erklärt er mit negativen und nichtlinearen Rückkopplungen: in den Industrieländern zwischen der Finanzkrise und der Schwäche der Realwirtschaft und in den Emerging Markets zwischen dem Kapitalabfluss und den rückläufigen Ausfuhren. Zudem sei auch zwischen den beiden Ländergruppen ein negatives Feedback zu beobachten, die Weltwirtschaft sei in einen Teufelskreis geraten.

Die Gründe für die heutige Krise sieht Blanchard in drei Bereichen: erstens in der fehlenden Marktdisziplin, zweitens in falschen Anreizstrukturen (bei den Finanzinstituten und Rating-Agenturen) und drittens in der mangelhaften Überwachung. Das erste Element werde man wohl nie ausmerzen können, es handle sich, so meint er, sozusagen um eine Erbsünde. Die anderen beiden Bereiche liessen sich zumindest etwas beeinflussen, wobei der IMF-Chefökonom allerdings nicht sehr zuversichtlich tönte; an der Möglichkeit einer nachhaltigen Besserung scheint auch er zu zweifeln.

Blanchard betont denn auch, dass seine Anstrengungen und jene des IMF zurzeit in erster Linie auf die Überwindung der Krise ausgerichtet seien. Eine IMF-Arbeitsgruppe beschäftigt sich zwar bereits mit den Folgen der extrem lockeren Geldpolitik, der Moral-Hazard-Gefahr aus den Hilfestellungen für die Finanzmärkte, und sie macht sich überdies Gedanken darüber, wie die Länder ihre gestressten öffentlichen Finanzen wieder ins Lot bringen könnten. Wenn es für Blanchard vorläufig wichtiger ist, die Krise direkt zu bekämpfen und die Sanierung unliebsamer Folgewirkungen hintanzustellen, dann weil er fürchtet, dass alles noch schlimmer kommen könnte, dass der Konjunkturpessimismus seinen Höhepunkt noch nicht erreicht habe. Dies begründet er mit zwei Argumenten: Zum einen würden die Probleme in Osteuropa gerade erst sichtbar, zum andern fehle die Zuversicht, dass die Behörden in den USA die Finanzkrise rasch in den Griff bekämen. Der Korrekturprozess sei langsam, unsystematisch, er werde von Fall zu Fall angepasst und PR-mässig schlecht vermarktet. Daher werde sich das Vertrauen wohl noch über Wochen oder Monate hinweg nicht wieder einstellen.

Blanchard – man spürt es im Gespräch – ist von seiner Arbeit beim Währungsfonds fasziniert. Er schätzt die Qualität des Mitarbeiterstabes, der Austausch von Meinungen zwischen kenntnisreichen und meinungsstarken Ökonomen – er nennt es «information litigation» – sei einzigartig und sehr nützlich. Der IMF könne deshalb auf neue Entwicklungen schnell reagieren. Blanchard glaubt, dass es nicht zuletzt das breite Wissen seiner Mitarbeiter und die starke Beachtung grenzüberschreitender Wirkungsmechanismen waren, die den IMF im gegenwärtigen Konjunkturzyklus früher schon als andere Stellen zu relativ pessimistischen Wachstumsprognosen veranlasst hatten. Wobei aber, auch dies ist ihm nicht entgangen, die Einschätzungen der IMF-Ökonomen und auch deren wirtschaftspolitische Vorschläge in den Mitgliedsländern nicht immer sehr ernst genommen werden. Die nationalen Entscheidungsträger hätten – und dies sei in der gegenwärtigen Krise nicht anders – oft eine provinzielle Sicht der Dinge, selbst wenn sie gut informiert seien.

Blanchard ist Franzose, hat aber in den USA studiert und dort auch Karriere gemacht. Auf die Rückkehr nach seiner Ausbildung am Massachusetts Institute of Technology (MIT) verzichtete er, weil damals das Klima für wirtschaftliche Forschungsarbeit in Frankreich eher schlecht, in Amerika dagegen hervorragend war. Derzeit ist Blanchard für die Tätigkeit beim IMF von seiner Funktion als Ökonomieprofessor am MIT freigestellt. Zeitweise hatte er auch an der Harvard University gelehrt. Seine Verbindung zu Frankreich hält er unter anderem auch durch ein Haus auf der Ile de Ré an der Atlantikküste aufrecht, wo er im Sommer in der Regel einige Monate verbracht hat. Leicht wehmütig räumt er ein, dass er auf dieses «Privileg» während seiner Zeit beim IMF wohl werde verzichten müssen.

Frühere Beiträge

06.04.2009

Neue Zürcher Zeitung

Vom Spielmacher zum Bankchef

Frédéric Oudéa setzt bei der Société Générale auf Teamgeist

30.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

«Unsere Strategie wird nicht verstanden»

Aaron Regent – der neue CEO des Gold-Förderers Barrick Gold

23.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

Mit klassischen Geschäften zum Erfolg

Der Bankier Mittendorfer vertraut dem Bankenplatz Tschechien

09.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

Keine Fusion von BMW und Daimler

Für BMW-Chef Reithofer geht Liquidität derzeit vor Profitabilität

02.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

«Russland hat das richtige Modell für die Krise»

Der Milliardär Andrei Melnitschenko gibt sich gelassen

23.02.2009

Neue Zürcher Zeitung

Den Handelsinteressen des Südens verpflichtet

Samuel Amehou – die Stimme der Baumwollproduzenten Afrikas

16.02.2009

Neue Zürcher Zeitung

«Nicht kotiert zu sein, ist wunderbar»

Jim Goodnight – Chef des US-Software-Unternehmens SAS Institute

09.02.2009

Neue Zürcher Zeitung

Ein Manager mit weitem kulturellem Horizont

Léo Apotheker – Co-Chef des Softwareanbieters SAP

02.02.2009

Neue Zürcher Zeitung

Ein passionierter Segler am Steuer von Finnair

Jukka Hienonen über die Asien-Strategie und die Flugkrise

26.01.2009

Neue Zürcher Zeitung

Auf der Suche nach neuen Wachstumsmärkten

Boris Nemsic – Vorstandschef der Telekom Austria

19.01.2009

Neue Zürcher Zeitung

Ein Werbebotschafter für Kosovo

Lutfi Zharku – Industrieminister von Europas jüngstem Staat

12.01.2009

Neue Zürcher Zeitung

Grosse Pläne mit der kleinen Bohne

Dang Le Nguyen Vu – Vietnams Kaffeekönig

05.01.2009

Neue Zürcher Zeitung

Brasiliens Erfolgs-Banker auf Einkaufstour

Roberto Setúbal sucht für seine Bank Itaú einen Platz in der Welt

29.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein erfolgreicher Motivationskünstler

Alistair Cox führt den britischen Personalvermittler Hays

22.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Ich bin keine soziale Institution»

Die Chefin der Asperger Informatik stellt bevorzugt Autisten ein

15.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

Die Klimapolitik verlangt saubere Annahmen

William Nordhaus' Mischung aus Nüchternheit und Engagement

08.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der reiche Phönix von der Wall Street

Financier Wilbur Ross setzt auf die ungeliebten Verlierer

01.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Mann voller Tatendrang und Optimismus

Alain Spinedi erweckt die Uhrenmarke Louis Erard zu neuem Leben

24.11.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Die Strommarktliberalisierung reizt mich»

Der neue Swissgrid-CEO Pierre-Alain Graf tickt anders

17.11.2008

Neue Zürcher Zeitung

Deutscher Starrkopf trifft verrückten Künstler

Franz Kook leitet die Schwarzwälder Familienfirma Duravit

10.11.2008

Neue Zürcher Zeitung

Handelsdiplomatie und Alpinismus

Botschafterin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch sieht Parallelen

03.11.2008

Neue Zürcher Zeitung

Eine serbische Geschichte

Notenbankchef Radovan Jelasic – mit klarem Kurs in rauer See

27.10.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Die harte Restrukturierung steht noch bevor»

Der neue Clariant-Chef Hariolf Kottmann erläutert seine Pläne

20.10.2008

Neue Zürcher Zeitung

Geschäftssinn und Macht des Patriarchen

Fast alle Mexikaner arbeiten Carlos Slim in die Tasche

13.10.2008

Neue Zürcher Zeitung

Unbekannter Marktführer

Ecolab-Chef Baker erläutert das Modell des Hygiene-Spezialisten

06.10.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Die Ära des Verlegens von Fabriken ist vorbei»

Masahiko Mori zur Industrienatur Japans, Europas und Amerikas

29.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der Kampf um das Vertrauen der Sparer

Sheila Bair – Chefin der US-Einlagenversicherung FDIC

22.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

Das Millionengeschäft mit Millimeterschnitten

Ivo Pitanguy – Brasiliens Pionier der Schönheitschirurgie

15.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Höre immer auf, bevor ich Neues beginne»

Unternehmer Giorgio Behr baut sich ein Konglomerat

08.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Vollblut-Ingenieur im Cockpit von Saab

Ake Svenssons spannende Reise vom Praktikanten zum Konzernchef

01.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

DuPont – ein «Wissenschafts-Unternehmen»

Unternehmenschef Holliday fühlt sich von der Börse missverstanden

23.08.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Direktor für das Unnötige»

Urs Kienberger – Miteigentümer des Hotels Waldhaus in Sils

18.08.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der Juwelier der Reichen und Schönen

Für Laurence Graff sind Diamanten Passion und Geschäft

11.08.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein charmanter «Eisenmann»

Der Chef des Bergbaukonzerns Vale ist ein Senkrechtstarter

04.08.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Kreuzritter gegen die Mafia

Siziliens Arbeitgeberpräsident Lo Bello bietet Cosa Nostra die Stirn

28.07.2008

Neue Zürcher Zeitung

Lichtspender in einem dunklen Geschäft

Anthony J. Denny – CEO des Gebrauchtwagenhändlers AAA Auto

21.07.2008

Neue Zürcher Zeitung

Die Loyalität in Person

Russell Artzt kittet den angeschlagenen Ruf der Software-Firma CA

14.07.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der Geldmacher

Karsten Ottenberg leitet die Technologiefirma Giesecke & Devrient

07.07.2008

Neue Zürcher Zeitung

Nüchternheit in der Wettbewerbspolitik

F. Mike Scherers besorgter Blick auf Europas Hochschulen

30.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

Vom Verfahrensingenieur zum Duftmischer

Gilles Andrier macht Givaudan als Global Player fit

23.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Auch die traditionelle Industrie hat Zukunft»

Franz-Josef Albrecht – Verwaltungsratspräsident der CPH

15.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

Wohnbau, Skilifte und Schifffahrt

Die drei Unternehmer-Leben des Walter Klaus

09.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

Die Marktführerschaft in Europa als Ziel

Marc Zahn gestaltet die Expansion der Derivatebörse Scoach

02.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der Staat gibt – der Staat nimmt

Der mexikanische Milliardär Ricardo Salinas hadert mit der Politik

26.05.2008

Neue Zürcher Zeitung

Mit grosser Konsequenz an Europas Spitze

Hans Peter Haselsteiner ist mit der Strabag fast am Ziel

19.05.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Ökonom im Haifischbecken der Politik

Wirtschaftsprofessor Herbert Grubels Sinn für Unkonventionelles

04.05.2008

Neue Zürcher Zeitung

26.04.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Leben für die FlatTax

Alvin Rabushkas unermüdlicher Einsatz für bessere Steuersysteme

21.04.2008

Neue Zürcher Zeitung

Schnell im Beruf und auf der Strasse

Xenia Judajewa ist die neue Chefökonomin der Sberbank

13.04.2008

Neue Zürcher Zeitung

Eine Brücke zwischen Kanada und Asien

Hari Panday – ein in der Nische erfolgreicher Banker

Wirtschaft im Gespräch - erscheint regelmässig am Montag im Wirtschaftsteil der «Neuen Zürcher Zeitung».