Wirtschaft im Gespräch

Andrei Melnitschenko stellt seinen Reichtum offen zur Schau und umgibt sich gerne mit Popgrössen.

Andrei Melnitschenko stellt seinen Reichtum offen zur Schau und umgibt sich gerne mit Popgrössen.

02.03.2009,

Neue Zürcher Zeitung

«Russland hat das richtige Modell für die Krise»

Der Milliardär Andrei Melnitschenko gibt sich gelassen

gho. Moskau, Ende Februar
Andrei Igorewitsch Melnitschenko ist in Krisen gross geworden. Der 36 Jahre alte russische Milliardär hatte Anfang der 1990er Jahre mit Geldwechselgeschäften den Kapitalismus in einer Zeit des Umbruchs von Grund auf gelernt. Die Lernkurve dabei war steil: Im Jahr 1993 gründete er mit Partnern die MDM-Bank. Während in der Russlandkrise im Jahr 1998 viele private Geschäftsbanken zusammenbrachen, trat die MDM Bank gestärkt aus der schwierigen Zeit hervor. Melnitschenko hatte vor der Zahlungsunfähigkeit des Staates gewinnbringend russische Anleihen verkauft und auf eine Abwertung des Rubels gesetzt. Mit dem Geld bauten dann er und sein Partner Sergei Popow ein Imperium aus Kohle, Strom, Röhren und Düngemitteln auf.

Ob er bei der derzeitigen Wirtschaftskrise zu den Gewinnern zählen werde, könne er noch nicht sagen, meint der während des Gesprächs häufig verschmitzt lächelnde Melnitschenko in seinem holzvertäfelten Büro in Moskau. Die Krise sei noch nicht vorbei. Eurochem, der grösste Hersteller von mineralischen Düngern in Russland, stehe aber auf alle Fälle besser als die Mitbewerber da. Melnitschenko hält rund 95% am Konzern. Der russische Milliardär hatte ab 2007 seinem Kompagnon Popow die Anteile an der MDM-Bank überlassen und entschied sich für die weniger glamouröse, aber einträgliche Düngemittelbranche. Am russischen Strom- und Kohlekonzern Suek hingegen sind beide mit noch jeweils 48% beteiligt. Bereits im Jahr 2006 hatten die beiden den Röhrenhersteller TMK an die Börse gebracht.

Weder Eurochem noch er persönlich hätten einen Anruf von den Banken bekommen, dass ein Kredit gefährdet sei. Eurochem habe nur wenig Schulden gehabt, als die Krise begonnen habe. Man habe kein Geld verschwendet, als es günstig und leicht zu bekommen gewesen sei, sagt Melnitschenko. Vielmehr sei es Eurochem gelungen, Ende Oktober einen Kredit über 1,8 Mrd. $ mit einer Laufzeit von 4 Jahren aufzunehmen. Ungemütlich werde es erst, wenn die Krise noch weitere drei, vier Jahre dauern sollte. Eurochem nutzte vielmehr die Krise, um den Anteil am deutschen Düngerhersteller K+S auf nun 15% aufzustocken. Damit ist Melnitschenko – teilweise über Eurochem – der grösste Aktionär am deutschen Unternehmen, das im vergangenen Jahr in den Leitindex DAX aufgenommen worden ist. Er betont aber, dass beide Unternehmen im Moment unabhängig seien. Melnitschenko stellt jedoch klar, dass Eurochem einen Platz im Verwaltungsrat des deutschen Unternehmens anstrebt. Das Unternehmen profitierte in den letzten Jahren vom Boom der Lebensmittelpreise und von der damit einhergehenden grossen Nachfrage nach Düngern. Eurochem erzielte 2007 einen Reingewinn von 16,2 Mrd. Rbl. (rund 740 Mio. Fr. zum damaligen Wechselkurs) bei einem Umsatz von 73,8 Mrd. Rbl. (3,4 Mrd. Fr.).

Trotz der nach eigenen Angaben zufriedenstellenden finanziellen Lage möchte das Unternehmen die Chance aber nicht ungenutzt lassen, beim russischen Staat um eine günstige Finanzierung eines neuen Kalisalz-Feldes nachzusuchen. Ob dies auch gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Vor kurzem kündigte die Regierung an, einzelnen Unternehmen keine Unterstützung mehr zukommen zu lassen. Melnitschenko ist mit der Krisenbewältigung durch die russische Regierung zufrieden und bezeichnet das derzeitige politische System in Russland als das richtige Modell für die Krise. In jedem Modell gebe es Vor- und Nachteile. In turbulenten Zeiten sei es aber gut, wenn Entscheidungen schnell und effektiv getroffen würden. Auf die Frage, ob das Modell auch vor dem Ausbruch der Krise richtig gewesen sei, will er nicht eingehen.

Melnitschenko, der zunächst Physik studiert und 1997 ein Studium in der Spezialisierung «Finanzen und Kredit» in Moskau abgeschlossen hatte, ist sicherlich einer derjenigen, die vom Niedergang der Sowjetunion und vom Aufschwung Russlands profitierten – was er auch gerne zeigt. Vor dem Moskauer Büro steht eine Maybach-Limousine, seit kurzem ist er stolzer Besitzer einer 119 m langen Jacht, die vom französischen Designer Philippe Starck entworfen wurde. Für seine Frau Aleksandra, die früher Mitglied der serbischen Popgruppe Models war, lässt Melnitschenko auch oft Showgrössen wie Jennifer Lopez und Christina Aguilera ein Ständchen bringen.

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