Wirtschaft im Gespräch

Auch Software ist im Urteil von Léo Apotheker ein kulturelles Gut.

Auch Software ist im Urteil von Léo Apotheker ein kulturelles Gut.

09.02.2009,

Neue Zürcher Zeitung

Ein Manager mit weitem kulturellem Horizont

Léo Apotheker – Co-Chef des Softwareanbieters SAP

S. B. Die Redeweise von betriebswirtschaftlicher Software von der Stange ist widersprüchlich. Ist diese Software von der Stange, behindert sie die individuelle Entwicklung eines Unternehmens, nimmt sie auf betriebsspezifische Besonderheiten Rücksicht, ist sie nicht mehr von der Stange. Es ist dieses Spannungsfeld von Massanfertigung und Skalenertrag, das die Softwarekategorie des Enterprise Ressource Planning auszeichnet. Es ist vielleicht kein Zufall, dass zu den bedeutendsten Anbietern in diesem Bereich Firmen aus Europa gehören, einem Kontinent, dessen Bewohner sich auf einem fein geknüpften Flickenteppich von kulturellen Unterschieden zu bewegen verstehen. Die 1972 gegründete deutsche Firma SAP gehört weltweit zu den führenden Anbietern von Unternehmenssoftware und beschäftigt allein an ihrem Hauptsitz Mitarbeiter aus 99 Ländern.

Weltläufigkeit und kulturelle Vielfalt verkörpert hier kaum jemand besser als Léo Apotheker, der seit April 2008 zusammen mit Henning Kagermann die Geschicke der Firma leitet. Ab Mitte Mai 2009 wird er SAP dann in alleiniger Verantwortung führen. Apotheker stammt aus Deutschland und hat in Jerusalem studiert. Seit rund zwanzig Jahren ist er schon für SAP tätig, zumeist ausserhalb Deutschlands; unter anderem hat er die SAP-Niederlassungen in Frankreich und Belgien aufgebaut, sich auch um die Vertriebsnetze in Südwesteuropa, im Nahen Osten und in Afrika gekümmert. Er spricht Deutsch, Englisch und Französisch akzentfrei und soll auch Hebräisch und Niederländisch perfekt beherrschen. Neben dem Beruf, verrät er im Gespräch, interessieren ihn Kunst, Theater und Literatur.

Als Apotheker zum Co-CEO ernannt wurde, war für deutsche Kommentatoren die erste Frage, wo der neue Chef denn nun wohnen werde. Würde der Wahlfranzose, der Stadtmensch, ein «Freund guten Essens und eines guten Weines» («Frankfurter Allgemeine»), der schon lange in Paris lebt und der der französischen Ehrenlegion angehört, an das Rhein-Neckar-Autobahnkreuz zügeln wollen? Apotheker beantwortet diese Frage diplomatisch: «Mein Arbeitsort ist die SAP.» Er werde dort arbeiten, wo die Firma ihn brauche, er werde auch weiterhin viel reisen. Dank Internettechnologien könne man an einem Ort präsent sein, ohne auch physisch anwesend zu sein. «Ich möchte die SAP in die nächste Phase ihrer Globalisierung bringen und dafür sorgen, dass die Firma auf der Welt so agiert, als wäre die Welt eine Stadt», sagt er.

Nach Softwareingenieuren und Naturwissenschaftern ist Apotheker als Ökonom der erste Chef ohne technisch-naturwissenschaftliche Ausbildung. Ein Nachteil? Bei einer Firma mit mehr als 50 000 Mitarbeitern und mehr als 75 000 Kunden in 120 Ländern brauche es im Führungsteam vielfältige Fähigkeiten, von der Technikentwicklung bis hin zu Marketing und Kommunikation. Und es brauche jemanden, fährt Apotheker fort, der das Team zusammenhalte und führe. Dabei spiele es keine Rolle, ob diese Person Technologe oder Ökonom sei.

Zu den Techniktrends, mit denen sich SAP derzeit auseinandersetzen muss, gehört das «Cloud-Computing», das es ermöglicht, Software zu nutzen, ohne sie zu besitzen. SAP sieht sich mit jungen Mitbewerbern wie Salesforce.com konfrontiert, die Software nicht mehr als Produkt, sondern als Service offerieren. Gerade für kleine und mittlere Firmen scheint das ein finanziell attraktives Angebot zu sein. Apotheker ist zwar ebenfalls der Meinung, dass die Softwareindustrie dank dem Internet vor einer grossen Wende steht, er sträubt sich aber dagegen, im Konzept der Mietsoftware ein Allheilmittel zu sehen. Das sei eine Möglichkeit neben anderen, ein neues Geschäftsmodell, das aber die anderen nicht verdrängen werde. Dass SAP Mühe habe, mittelständische Firmen als Kunden zu gewinnen, sei ein Gerücht: «30% unseres Umsatzes kommen vom Mittelstand, und der Anteil wächst.»

Auf was kommt es an bei der Entwicklung der Software der Zukunft? Apotheker meint zu dieser Frage: «Ich glaube, dass Software ein kulturelles Gut ist. Wir haben es mit Menschen zu tun. Die Interaktivität eines Systems, insbesondere in der betriebswirtschaftlichen Software, muss auf die Menschen zugeschnitten sein.» Deshalb unterhalte SAP Entwicklungszentren rund um die Welt und starke lokale Zweigstellen, um kulturellen Aspekten gerecht zu werden. Unter diesen Voraussetzungen habe man als europäisches Unternehmen einen Vorteil im Vergleich mit Konkurrenten aus China oder den USA, die von einem grossen homogenen Markt abhängig seien.

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