Obschon der Staat Mehrheitsaktionär von Finnair ist, lässt sich CEO Jukka Hienonen von den Politikern nicht an die kurze Leine nehmen.
02.02.2009,
Neue Zürcher Zeitung
Ein passionierter Segler am Steuer von Finnair
Jukka Hienonen über die Asien-Strategie und die Flugkrise
I. M. Helsinki, im Januar
Die kürzeste Route von Europa nach Asien führt über Helsinki. Diese Werbebotschaft von Finnair löst immer wieder ungläubiges Staunen aus. Auf zweidimensionalen Weltkarten ist nämlich nicht einsichtig, dass der Weg über Finnland in den Fernen Osten kein Umweg, sondern eine Abkürzung ist. Schuld daran ist Gerhard Mercator, der «grösste Feind der Finnair», wie Finnair-Chef Jukka Hienonen augenzwinkernd sagt. Der Wissenschafter hatte vor fast 450 Jahren als Erster winkeltreue Karten der Erde gezeichnet, die jedoch an den Polen verzerrt sind. Mit der Folge, dass Hienonen immer einen Ballon auf sich tragen muss, um mit dessen Hilfe zu veranschaulichen, dass die Reise zwischen Europa und Asien tatsächlich um 1000 km kürzer wird, wenn man nah am Nordpol fliegt.
Auf die kürzere Route baut die Strategie der Finnen: Während sich andere europäische Fluggesellschaften um die Transatlantikpassagiere streiten, will Finnair erste Adresse für den Verkehr von und nach Asien sein. «Die Route via Helsinki ist immer die beste Alternative zu einem Direktflug», sagt Hienonen, dessen Airline wöchentlich rund 60 Flüge nach China, Japan, Thailand, Indien und Südkorea anbietet. Helsinki nimmt denn auch eine wichtige Lage im West-Ost-Verkehr ein. 70% der Reisenden in Flugzeugen von und nach Asien sind Transitpassagiere. Den Kurs Richtung Fernost hatte Finnair allerdings eingeschlagen, bevor Hienonen im Januar 2006 das Cockpit einnahm.
Der heute 47-jährige Finne hatte an der Turku School of Economics internationales Marketing studiert, arbeitete während zehn Jahren in der Forstmaschinen-Branche und danach ebenso lange im Detailhandel beim finnischen Traditionskonzern Stockmann, zuletzt als Chef der Warenhaus- Division und als Vizekonzernchef. In beiden Sektoren hat Hienonen Erfahrungen in Russland erworben, die ihm auch jetzt zugutekommen. Der Finnair-Chef sieht sich selbst als praktisch veranlagten Manager, der einen direkten Stil pflegt, mit seinen Entschlüssen oft etwas zu schnell ist und wenig Geduld hat, um lange auf Resultate zu warten. Mit seiner offenen und kommunikativen Art sticht Hienonen zudem aus dem Gros oftmals einsilbiger finnischer Firmenchefs hervor. Untypisch sind auch seine Reisegewohnheiten: Hienonen ist kein exemplarischer Vielflieger, er jettet wenig durch die Welt. Sein Element ist vielmehr das Wasser. So ist der passionierte Segler im Sommer mit seiner Familie – der Frau und zwei bald erwachsenen Töchtern – für mindestens drei Wochen auf dem Segelboot. Noch länger war anno 1932 sein Grossvater unterwegs. Als Ringer erkämpfte sich dieser an den Olympischen Spielen von Los Angeles eine Goldmedaille – die Reise nach Kalifornien dauerte damals nicht weniger als fünf Monate.
Dass Hienonen nun im Dienst eines staatlich dominierten Unternehmens steht, sieht er nicht als Belastung. Ohne die 55%-Aktienmehrheit des Staates wäre Finnair «ein kleiner Happen für einen grossen Konkurrenten». Der CEO erklärt, er habe schon beim Bewerbungsgespräch klargemacht, dass er weder Politiker sei noch politisch korrekt handeln werde, sondern als Geschäftsmann die Geschäftsinteressen ins Zentrum stelle und auch gegenüber den Minderheitsaktionären Verantwortung trage: «Wenn ich eine unrentable Inlandroute schliessen will, tue ich das ohne Rücksprache mit der Regierung», erklärt er im Gespräch. Die Verkleinerung des Routennetzes ist in der Tat ein Thema, denn die Finanzkrise hinterlässt auch bei den Finnen deutliche Spuren. Ein Sparplan, der neben temporären Freistellungen von Personal auch Entlassungen sowie eine Reduktion des Routennetzes um mindestens 9% vorsieht, soll den Sinkflug weniger steil ausfallen lassen.
Hienonen ist jedoch überzeugt, dass die 85-jährige und damit fünftälteste Fluggesellschaft der Welt dank der starken Bilanz und der guten Strategie noch lange weiterfliegen wird. Obwohl der Krise bisher über 30 Airlines zum Opfer fielen und laut Hienonen nochmals so viele folgen könnten, will er die vermeintlich günstige Gelegenheit zur Expansion nicht nutzen. «Gegenwärtig sind viele Fluggesellschaften billig zu kaufen, deren Besitz wird jedoch teuer sein», meint Hienonen. Selektive Käufe von Unternehmensbereichen will er nicht ausschliessen, grundsätzlich soll Finnair, die nur wenig Erfahrungen mit Zukäufen hat, jedoch «klein und schnell» bleiben.
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