Lutfi Zharkus Engagement für die Modernisierung seines wirtschaftlich rückständigen Landes ist beeindruckend.
19.01.2009,
Neue Zürcher Zeitung
Ein Werbebotschafter für Kosovo
Lutfi Zharku – Industrieminister von Europas jüngstem Staat
tf. Pristina, Ende Dezember
Ist Lutfi Zharku ein Startup-Unternehmer? Selbstverständlich nicht. Denn ein Staat ist kein Unternehmen. Und dennoch gleicht die Arbeit von Kosovos Handels- und Industrieminister in mancherlei Hinsicht derjenigen eines Firmengründers: Sein «Produkt» ist am Markt noch wenig etabliert; die eigene Organisation – die Regierung – wirkt noch wenig gefestigt; und das Vertrauen potenzieller Geldgeber muss erst erarbeitet werden. Seit Monaten weibelt Zharku daher als Werbeträger von Europas jüngstem Staat (am 17. Februar jährt sich zum ersten Mal die Unabhängigkeitserklärung) durch das In- und Ausland, um Investoren für ein Engagement zu motivieren. So schwierig die Aufgabe in Zeiten des knappen Geldes sein mag: Zharku erhält von unabhängigen Beobachtern gute Noten. Er gilt bei ihnen als integer, als Macher, als einer, der die harte Knochenarbeit vor die persönliche Profilierung stellt.
Einen ruhigen und besonnenen Eindruck hinterlässt Zharku auch im persönlichen Gespräch in seinem Büro. Die wirtschaftlichen Probleme seines Landes – etwa die auf über 40% geschätzte Arbeitslosigkeit, die prekäre Energieversorgung oder die vernachlässigte Infrastruktur – verschweigt der Minister zwar nicht. Er stellt sie indessen in den zeitlichen Kontext. Nachdem die heimische Industrie Anfang der neunziger Jahre kollabiert sei, habe sich nämlich in Kosovo während eineinhalb Jahrzehnten praktisch niemand um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gekümmert. Nach dem Krieg von 1999 seien zwar die Uno-Verwaltung (Unmik) und viele andere internationale Organisationen ins Land geströmt. Sie alle seien aber in erster Linie auf politische Probleme und auf die Sicherung des Friedens fokussiert gewesen; wirtschaftliche Aufgaben blieben derweil zumeist unangetastet.
Zharku macht aus seiner Enttäuschung ob des in der Tat bescheidenen wirtschaftlichen Leistungsausweises der langjährigen internationalen Präsenz in Kosovo kein Geheimnis. Namentlich was die Privatisierung ehemaliger Staatsbetriebe angehe, seien allzu viele Jahre ungenutzt vergeudet worden – Jahre, während deren niemand so recht wusste, wer nun eigentlich wofür zuständig ist und wer das Sagen hat. Mit der Unabhängigkeitserklärung habe sich dies verändert. Nun sei Investoren klar, dass die Macht, aber auch die Verantwortung bei Kosovos Regierung liege. «Wir nehmen unsere Zukunft endlich in die eigenen Hände», sagt er. Ein Ziel, von dem zeitlebens auch Ibrahim Rugova, die Symbolfigur des gewaltfreien Unabhängigkeitskampfs in Kosovo, geträumt hatte. Dem Erbe des 2006 verstorbenen Präsidenten, dessen Porträt in Zharkus Büro der prominenteste Platz zukommt, fühlt sich der Industrieminister daher besonders verpflichtet, auch als Vertreter der von Rugova mitgegründeten Demokratischen Liga (LDK).
Für die LDK liess sich der promovierte Ökonom im Jahr 2000 erstmals ins Parlament seiner Heimatgemeinde Kacanik wählen. In Kacanik, rund 45 Autominuten südlich der Hauptstadt, wohnt der 46-Jährige noch immer. Zum einen wegen seiner drei Kinder, die dort die Schule besuchen; zum anderen, weil es ihm gefalle, in einer kleinen Stadt zu leben, wo noch fast jeder jeden kenne. Vor dem Einstieg in die Politik arbeitete Zharku unter anderem als stellvertretender Generaldirektor bei Sharrcem, jener Zementfabrik im Südosten Kosovos, die im Jahr 2000 im Rahmen eines auf zehn Jahre befristeten Leasingvertrags an die Schweizer Holcim übergeben worden war. Das Engagement von Holcim bezeichnet der Industrieminister als eine der grössten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten seines Landes. Er hoffe, dass Holcim auch nach 2010 bei Sharrcem engagiert bleiben werde – sei es im Rahmen eines weiteren Leasingvertrags oder einer Privatisierung.
Viel Freizeit scheinen Zharku sein Amt und seine Reiserei nicht zu gönnen. Wenn er gleichwohl etwas Zeit abzweigen kann, entspannt er sich laut eigenen Angaben am liebsten mit Spielfilmen. Epische Dramen mit historischem Hintergrund hätten es ihm besonders angetan. «Historia est magistra vitae», begründet der Filmliebhaber schmunzelnd seine Leidenschaft – im Wissen, dass ein reicher Fundus an Historie (und ein nicht zu knappes Mass an entsprechendem Konfliktpotenzial) zu den wenigen Dingen gehört, über die das wirtschaftlich ärmste Land Europas im Überfluss verfügt.
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