Roberto Setúbal ist erst nach einem Ingenieurstudium in die von seinem Vater gegründete Bank eingestiegen.
05.01.2009,
Neue Zürcher Zeitung
Brasiliens Erfolgs-Banker auf Einkaufstour
Roberto Setúbal sucht für seine Bank Itaú einen Platz in der Welt
C. H. São Paulo, Ende Dezember
Roberto Setúbal kommt direkt vom Fotoshooting. Eine brasilianische Wirtschaftszeitschrift hat den Banker zum Unternehmer des Jahres 2008 gekürt. Damit ist Setúbal wohl weltweit eine Ausnahme. Während verschiedene seiner Kollegen in den USA und in Europa Milliarden in den Sand gesetzt und ihren Berufsstand in Verruf gebracht haben, wird der Brasilianer branchenweit als erfolgreicher Banker gelobt. Der Grund ist unter anderem der Coup, der ihm soeben gelungen ist. Dank einer kunstvoll eingefädelten Fusion der im Besitz seiner Familie befindlichen Bank Itaú mit dem Konkurrenten Unibanco steht Setúbal jetzt als CEO der grössten Bank Lateinamerikas vor. Damit ist der hochgewachsene Mittfünfziger einen Schritt näher an seinem Ziel: Die Bank, die sein Vater in den 1960er Jahren aufzubauen begonnen hatte, soll ein aktiver Player bei der globalen Konsolidierung der Finanzbranche sein.
Auf einigen Fotos von seinem Vater als junger Mann ist eine frappierende Ähnlichkeit zu erkennen. Olavo Egydio Setúbal war ein imposanter Unternehmer, der, aus mittelständischen Verhältnissen stammend, ein Konglomerat aus Industriefirmen und eben der Bank Itaú aufgebaut hatte. Als Bürgermeister der Wirtschaftsmetropole São Paulo und als Aussenminister nach dem Ende der Militärdiktatur hatte er auch in der Politik Geschichte geschrieben. Der Vater als übergrosser Schatten, aus dem Setúbal als eines von sieben Geschwisterkindern erst einmal heraustreten muss? Das habe er längst geschafft, vielleicht gerade deshalb, weil er in der Bank ganz unten anfangen musste.
Nach dem Ingenieurstudium in São Paulo und in Stanford geht Setúbal Mitte der 1980er Jahre nach New York und lernt dort von John Reed, dem Gründer der Citibank und einem Freund der Familie, das Kreditkartengeschäft und baut später diesen Geschäftszweig bei Itaú aus. Als er 1994 auf den Chefsessel gehievt wird, ist er erst Mitte dreissig. Ab jetzt arbeitet er kontinuierlich daran, Itaú zum Marktführer in Brasilien zu machen und damit für die internationale Expansion vorzubereiten. Im Durchschnitt kauft er nämlich jedes Jahr eine Bank und wird so zum Branchenprimus im südamerikanischen Land. Setúbal gilt dabei als knallharter Rechner. Dass dieser Zahlenmensch die schwierige Aufgabe beherrscht, die gekauften Banken zu integrieren, hat er schon mehrfach bewiesen. Trotzdem stellt die Fusion mit Unibanco seine bisher grössteHerausforderung dar. Nicht zuletzt sitzt jetzt neben den zwei grossen Eigentümerfamilien von Itaú mit der Unibanco-Eigentümerfamilie Moreira Salles noch ein dritter einflussreicher Clan mit im Boot des börsenkotierten Unternehmens.
Setúbals internationale, unter brasilianischen Geschäftsleuten seltene Vision ist immer wieder gestärkt worden durch sein Engagement in internationalen Gremien, etwa als Vizepräsident des Branchenverbandes Institute of International Finance oder als Mitglied des Internationalen Beratungsausschusses der Federal Reserve Bank von New York. Für den Schritt ins Ausland ist Itaú nach der Fusion mit Unibanco nun gut aufgestellt. Wie die meisten Finanzinstitute in Brasilien ist auch Itaú/Unibanco von der Finanzkrise verschont geblieben – dank der Fokussierung auf den überaus rentablen Binnenmarkt. In den ersten drei Quartalen haben die beiden Banken rund 3,8 Mrd. $ verdient, die gemeinsamen Aktiva betragen 260 Mrd. $, und gemessen am Börsenwert in Höhe von rund 45 Mrd. $ spielt Itaú/Unibanco derzeit locker in der Liga einer UBS mit. Ob er angesichts des Absturzes seiner Konkurrenten in den USA und in Europa nicht mit einer Expansion in diese Regionen liebäugle? Setúbal lacht ob dieser zumindest theoretischen Möglichkeit, die vor der Finanzkrise noch undenkbar gewesen wäre. Nein, diese Banken würden sich wieder erholen; Itaú/Unibanco werde sich für seine Expansionspläne eher in Lateinamerika umsehen. Mit den Eigenheiten dieser Märkte sei man besser vertraut als mit jenen der Industrieländer.
Was wäre so jemand wie Setúbal wohl geworden, wenn er nicht in einer Bankiersfamilie aufgewachsen wäre? «Ebenfalls ein Unternehmer, womöglich in einer anderen Branche», antwortet er. Persönlichere Fragen versucht er zu umgehen. Dass er vor kurzem zum ersten Mal geheiratet hat, erfährt man zunächst nur von Brancheninsidern. Und auch, dass der Banker mit dem gewinnenden Lächeln ein grosser Fan von Rockmusik ist und über 1000 CD dieses Genres besitzt.
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