Die 36-jährige Wirtschaftsinformatikerin Susan Conza leidet selbst unter dem Asperger-Syndrom.
22.12.2008,
Neue Zürcher Zeitung
«Ich bin keine soziale Institution»
Die Chefin der Asperger Informatik stellt bevorzugt Autisten ein
gvm. In einem Punkt sind sich alle normalen Stelleninserate ähnlich: Stets werden teamfähige, kommunikative und bestens ausgebildete Mitarbeiter gesucht. Die Zürcher Asperger Informatik AG hingegen ist anders. Um sich bei der noch jungen Informatikgesellschaft um eine Stelle zu bewerben, ist weder eine Berufsausbildung noch Arbeitserfahrung nötig. Der Interessent kann darauf setzen, dass er während der Arbeit von überflüssigen Reizen abgeschirmt wird, der Arbeitgeber sich seinem Lebensrhythmus anpasst und er sich nicht mit Kunden herumschlagen muss. Und die allerbesten Chancen für eine Anstellung hat der Bewerber, wenn er Autist ist.
Auch die 36-jährige Susan Conza musste in ihrem Leben mit dieser unheilbaren Entwicklungsstörung kämpfen. Weil sie aber das weniger ausgeprägte Asperger-Syndrom hat – das mit guter Sprachbegabung, überdurchschnittlicher Intelligenz und häufig obsessiv betriebenen Interessen verbunden ist – und beharrlich ihren Weg ging, schaffte sie es bis zur Gründung einer eigenen Firma. Deshalb spürt man im Gespräch mit der Wirtschaftsinformatikerin auch kaum etwas von ihrem Handicap, ausser, dass sie den Blickkontakt eher scheut. Noch befindet sich Conzas Unternehmen im Aufbau und arbeitet vorerst mit Freischaffenden zusammen. Zu Beginn sollen Internet-Dienstleistungen wie zum Beispiel die Einrichtung eines Web-Auftritts eines Unternehmens angeboten werden. Als erste Kunden werden Organisationen aus dem Gesundheitswesen angegangen, die Berührungspunkte mit Autismus haben. Die ersten Kontakte seien vielversprechend, erzählt Conza. In einer nächsten Phase möchte sie in Zusammenarbeit mit Grossunternehmen aus der Technologiebranche die Ausbildung von Informatikern ermöglichen. Angesichts des akuten Mangels an IT-Fachkräften erstaunt es, dass das brachliegende Fachwissen vieler Autisten nicht systematisch erschlossen wird; besonders wenn man erfährt, dass auch der Microsoft- Mitgründer Bill Gates ein «Aspie» ist.
Versicherungstechnisch sind Autisten Behinderte, weshalb sie auch Anrecht auf eine Invalidenrente haben. Diese Klassifizierung stört jedoch die zierliche Zürcherin, denn viele von ihnen hätten besondere Begabungen: «Es wäre besser, wenn man die Stärken einer Person fördern würde.» In den üblichen Intelligenztests schnitten Asperger zwar oft schlecht ab, und sie würden in der Schule und im Berufsleben wegen ihrer Schwierigkeiten in der zwischenmenschlichen Kommunikation gehänselt und gemobbt. Weil sie nicht stressresistent und bei unvorhergesehenen Ereignissen blockiert sind, scheitern die meisten schon bald. Bei der Asperger Informatik werden die Mitarbeiter einen reizarmen Arbeitsplatz vorfinden, der ihren Bedürfnissen nach Ruhe und Fokussierung gerecht wird.
Parallel zur Absolvierung der Sekundarschule begann Susan Conza als 16-Jährige in Zürich und Paris eine dreijährige Ausbildung in zeitgenössischem Bühnentanz. Auf die Frage, weshalb sie diesen Weg aufgab, antwortet sie in der für Autisten typischen Ehrlichkeit: «Ich war nicht begabt.» Stets sei sie dem Takt hinterher getanzt, weil sie die Musik nicht richtig gehört habe. Die Anschaffung eines Computers weckte ihr Interesse an der Informatik. Nachdem sie während der ersten vier Lebensjahre ihres Sohnes nicht erwerbstätig gewesen war, begann sie 1997 im PC-Support bei der damals noch sehr kleinen Cyberlink Internet Services. Mit der Zeit übernahm sie immer mehr Verantwortung und beteiligte sich auch am Unternehmen. Berufsbegleitend liess sie sich zur Informatikerin mit eidgenössischem Fachausweis und dann zur diplomierten Wirtschaftsinformatikerin ausbilden. Nach acht Jahren hatte die mittlerweile zur stellvertretenden Geschäftsführerin aufgestiegene Conza Lust auf Neues. Als Beraterin liess sie sich von einer grösseren IT-Beratungsgesellschaft anstellen, was jedoch schon bald schieflief. Als Autist in einer Grossfirma angestellt zu sein, sei extrem schwierig, fasst Conza ihre Erfahrungen zusammen. Danach bildete sie sich an Fachhochschulen in verschiedenen Nachdiplomkursen weiter. Schliesslich wagte sie vor einigen Monaten mit dem Erlös aus der Cyberlink-Beteiligung, eine eigene Firma zu gründen. Ihr Ziel ist, hochqualifizierte Arbeit mit Autisten anzubieten, die ihren Weg noch nicht gefunden haben, überfordert sind oder von der IV leben. Dabei ist ihr ein Punkt besonders wichtig: «Ich bin keine soziale Institution.»
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