William Nordhaus übt scharfe Kritik am «Stern-Report», den viele Umweltschützer als Grundlage für Klimapolitik sehen.
15.12.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Die Klimapolitik verlangt saubere Annahmen
William Nordhaus' Mischung aus Nüchternheit und Engagement
G. S. / mbe. Der Mann, der uns im Hotel Dolder gegenübersitzt, wirkt ausgesprochen ruhig und sachlich. Dennoch landen wir zuerst beim eher leidenschaftlichen Thema Politik. Schliesslich ist gerade Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Und William Nordhaus macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er bezeichnet sich zwar nicht als typischen Parteigänger, bekundet aber viel Sympathie für den sozialdemokratischen Flügel der Demokraten. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war er unter Präsident Jimmy Carter Mitglied von dessen Wirtschaftsrat gewesen. Obamahabe nun viel aufzuräumen und den Schaden, der Amerikas Reputation zugefügt worden sei, zu beheben, meint der 67-Jährige, der aus Albuquerque (New Mexico) stammt. Er traue dies Obama zu, denn dieser habe die richtigen Werte, und er habe ein hervorragendes Team um sich geschart.
Das alles sagt Nordhaus ohne jede äussere Gemütsregung, wohlüberlegt und sehr überzeugt. Vielleicht liegt der besondere Charme des Ökonomieprofessors von der Yale University in ebendieser Mischung aus analytischem, fast technokratischem Denken und der politischen Leidenschaft. Nordhaus engagiert sich für «grosse» Anliegen, aber er wirkt nicht wie ein Eiferer. Breiteren Kreisen bekanntgeworden ist er vor Ausbruch des Irak-Kriegs, als er Schätzungen über die gesamtwirtschaftlichen Kosten dieses Abenteuers anstellte und auf die gewaltige Summe von 2 Billionen Dollar kam. Auch das trug er als simple Berechnung vor, aber natürlich steckte sehr wohl auch politisches Feuer dahinter. Praktisch allen Ökonomiestudenten rund um die Welt ist Nordhaus' Name ferner geläufig, weil er der Co-Autor des Lehrbuchklassikers «Economics» ist, der ursprünglich unter dem Namen von Nobelpreisträger Paul Samuelson segelte und nächstes Jahr in 19. Auflage erscheinen wird.
Das Hauptaugenmerk seiner Forschung gilt aber bereits seit den frühen siebziger Jahren den natürlichen Rohstoffen, der Energie und der Klimaerwärmung. Hier war er ein Pionier, lange bevor andere Forscher und die Politik das Thema für sich entdeckt haben. Umso mehr war es bemerkenswert, dass er die Bibel der Umweltschützer, den sogenannten Stern-Report, harsch kritisierte. Im Urteil von Nordhaus, der ausser einem Abstecher ans Massachusetts Institute of Technology, wo er sein Doktorat erwarb, seiner Alma Mater treu geblieben ist, ist die Annahme Sterns einer Diskontierungsrate von fast null falsch. Auf ihr basiert aber die zentrale Aussage, die Treibhausgasemissionen müssten dringend, markant und sofort reduziert werden und das sei ökonomisch nicht nur vertretbar, sondern sogar sinnvoll. Nordhaus ist Klima- und Umweltschutz sehr wohl ein Anliegen. Er tritt wie Stern für eine Reduktion des CO2-Ausstosses ein und favorisiert eine weltweit harmonisierte CO2-Abgabe, aber er ist zu sehr Wissenschafter, als dass er solche Forderungen auf fragwürdigen Annahmen und technischen Fehlern basieren möchte.
Auch zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise hat Nordhaus klare Auffassungen. Sie erinnert ihn an die Volcker-Rezession Ende der siebziger bzw. Anfang der achtziger Jahre. Für ihn ist klar, dass die libertäre Weltanschauung Alan Greenspans schuld daran war, dass dieser nicht gegen die Preisexplosion bei Vermögenswerten antrat und deshalb eine zu grosszügige Geldpolitik betrieb. Zwar sei es schon richtig, dass man nicht genau wisse, welches der Preis sei, bei dem man von einer Blase sprechen könne, aber man könne eine Blasenbildung zumindest der Spur nach doch relativ früh erkennen.
Die Notenbankpolitik muss nach seiner Ansicht gezielter werden, und sie muss zurzeit ihr Hauptaugenmerk auf eine Senkung der Risikoprämien legen. Die Gefahr einer Deflation hält Nordhaus für gegeben; der Paulson-Plan zur Rettung der Finanzbranche setzt nach seiner Ansicht nicht nur falsche Akzente, sondern ist auch sonst schlecht konzipiert, und wie lange es noch geht, bis die starke Verschuldung der Unternehmen wieder auf ein nachhaltiges Niveau zurückgeführt ist, ist ihm unklar. Dennoch ist er dank dem neuen Präsidenten weniger pessimistisch, als er es sonst wäre.
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