08.12.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Der reiche Phönix von der Wall Street
Financier Wilbur Ross setzt auf die ungeliebten Verlierer
hwf. New York, im Dezember
Wilbur Ross, genannt «König der Pleiten», ist 70 Jahre alt, unermüdlich und ganz oben: New York, 1166 Avenue of the Americas, 27. Stock. Hier trifft man den Leiter der Investmentgesellschaft WL Ross & Co. in einem riesigen Eckbüro mit modernen Fotografien an den Wänden und Blick auf das Empire State Building. Der Financier im Massanzug und mit gelber Krawatte hat sich mit dem Wetten auf bankrotte Unternehmen ein Vermögen von 1,8 Mrd. $ erworben. Als «Vulture» (Geier), wie diese Spezies im Fachjargon genannt wird, sieht er sich dennoch nicht. Er erwecke kaputte Gesellschaften zu neuem Leben, sagt der Mann, und daher sei sein Wahrzeichen der Phönix, der aus der Asche steigt.
Egal, ob die Untergangskandidaten Stahlhersteller, Autozulieferer, Banken oder Billigflieger in Cleveland, Tokio, Manchester oder Hamburg sind: Geduldig verfolgt Ross ihren Verfall, kauft sie dann billig ein, um sie teuer wieder zu verkaufen. Im November hat er die Obligationen-Versicherungssparte FSA der angeschlagenen belgisch- französischen Bank Dexia für 722 Mio. $ erworben, zuvor zwei Subprime-Hypothekenvertreiber für 1,5 Mrd. $. Aus solch riskanten Transaktionen resultieren zweistellige Gewinne. Die Renditen, die seine acht Jahre alte Investmentgesellschaft erwirtschaftet, beziffert er auf mindestens 30% pro Jahr.
Den Financier reizt der Kauf strauchelnder Unternehmen in weit verstreuten Branchen und allen Zeitzonen – feindliche Übernahmen überlässt er seinen Rivalen. Lieber kauft er «Distressed Bonds», um als grösster Gläubiger billig die Kontrolle über bankrotte Unternehmen zu erlangen. Auf diese Weise hat er das Sagen, wenn es um die Finanzierung und Zukunft des Unternehmens geht. Von der Konkurrenz unterscheidet sich Ross dadurch, dass er die Firmen akquiriert, die sonst keiner will. In dem von Insolvenzen geschüttelten «Rust Belt» im Herzen Amerikas beispielsweise übernahm er einen bankrotten Stahlhersteller nach dem anderen, als die Stahlbranche unter hohen Kosten und Billigkonkurrenz aus dem Ausland litt, und fusionierte sie dann, damit sie sich einen Platz als Marktführer erobern konnten. Trotz der schweren Krise im amerikanischen Stahlgeschäft brachte er das Konglomerat an die Börse, wenig später veräusserte er es für 4,5 Mrd. $ an den weltgrössten Stahlhersteller Arcelor Mittal – ein Coup, der Ross persönlich 300 Mio. $ einbrachte und seinem Unternehmen 2,5 Mrd. $. Das von Ross verwaltete Geld hat sich vor zwei Jahren auf 6,7 Mrd. $ fast verdoppelt – eine Entwicklung, die Amvescap zu verdanken ist. Die britische Investmentgesellschaft wurde von WL Ross&Co. für rund 375 Mio. $ übernommen, und zwar unter der Bedingung, dass Ross an der Spitze bleibt, die Private-Equity-Geschäfte übernimmt und weiter ausbaut.
Perfekt passt Ross in die Rolle des Finanzmagnaten, der Krisen für sich nutzt und dabei sehr reich geworden ist. Der Sohn einer Lehrerin und eines Rechtsanwalts aus New Jersey studierte nach dem Abschluss einer Jesuitenschule an der Yale Universität und der Harvard Business School, ging an die Wall Street und trat 1974 in die Investmentbank Rothschild ein, für die er 26 Jahre lang tätig war. Er baute die Insolvenz-Abteilung auf, wo die Riesenpleiten amerikanischer Ikonen wie des Erdölkonzerns Texaco und der Fluggesellschaften Trans World Airlines und Pan Am zu seinen grössten Fällen gehörten. Richtig ins Rampenlicht geriet er aber erst, als er vor acht Jahren sein eigenes Unternehmen gründete und mit dem Kauf von verschmähten Gesellschaften reich wurde. Heute mischt er sich energisch in die Debatte um den Erhalt der verlustreichen amerikanischen Automobilhersteller ein, von deren Ausgang nicht zuletzt das Schicksal der vielen Autozulieferer abhängt, die er sich in den vergangenen Jahren gekauft hat.
Wenn er nicht gerade durch die Welt jettet, verbringt Ross seine Freizeit mit seiner dritten Frau in New York, Palm Beach oder Southampton, wo das Ehepaar grosse Häuser besitzt. Das aktive Leben scheint ihn zu beflügeln, sein Interesse an Deals ist ungebrochen, das nächste Ziel schon gesetzt: Er schätzt, dass als Folge der derzeitigen Krise mehr als 1000 Banken Pleite gehen werden, und hält einen Grossteil des Vermögens seiner Gesellschaft als Bargeld bereit, um entsprechende Transaktionen durchzuführen. Womit sich die Debatte, ob er ein Geier oder ein Phönix ist, neu entfachen wird.