Wirtschaft im Gespräch

Alain Spinedi weiss, wie man ein marodes Unternehmen wieder auf Vordermann bringt.

Alain Spinedi weiss, wie man ein marodes Unternehmen wieder auf Vordermann bringt.

01.12.2008,

Neue Zürcher Zeitung

Ein Mann voller Tatendrang und Optimismus

Alain Spinedi erweckt die Uhrenmarke Louis Erard zu neuem Leben

bau. Traumatisch sei der Beginn seines Startup-Unternehmens gewesen, erinnert sich Alain Spinedi, CEO und «Patron» der Uhrenfabrik Louis Erard. «Ich hatte nichts, als ich begann: keine Produkte, keine Schaukästen, keine Uhrmacher.» Das Einzige, was ihm nicht fehlte, waren Tatendrang, Optimismus und ein bestechend klares Marketingkonzept. Er beschloss, sich auf klassische mechanische Uhren zu erschwinglichen Preisen zu konzentrieren. Nach einer kleinen Marktstudie im Internet fand er sich in seiner Vermutung bestätigt: Immer mehr Hersteller von Luxusuhren streben nach immer höheren Preisen und geben das mittlere Preissegment auf. Als Plattform für seine auf den Mittelstand ausgerichtete Luxusuhr diente ihm die heruntergewirtschaftete Uhrenmarke Louis Erard. Das Unternehmen aus dem jurassischen Le Noirmont war in den frühen neunziger Jahren ein Opfer der grossen Uhrenkrise geworden.

Durch Zufall hatte Spinedi 2003 erfahren, dass die seit 1931 bestehende Traditionsmarke zum Verkauf ausgeschrieben war. Venture-Capital aufzutreiben, um den Namen und die Lagerbestände von Louis Erard zu kaufen sowie die Betriebsmittel für den Aufbau des neuen Geschäfts bereitzustellen, erwies sich als eigentlicher Spiessrutenlauf. Bankkredite zu bekommen, sei ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. «Von einem Startup-Unternehmen verlangen die Banken als Garantie nicht nur einen Regenschirm, sondern auch die Gewissheit, dass es während der nächsten paar Jahre nicht regnen wird», resümiert Spinedi die bitteren Erfahrungen. Ein privater Einzelinvestor sowie Freunde und Bekannte sprangen ein und beteiligten sich am Startkapital von 1,5 Mio. Fr. Aus heutiger Sicht bedauert Spinedi, dass er wegen Zeitnot keine seriöse Prüfung der Geschäftsbücher durchgeführt hatte. «Ich übernahm eine Ruine und bezahlte für das Inventar den doppelten Preis des tatsächlichen Wertes.»

Doch das Kalkül Spinedis ist aufgegangen. Die Ausrichtung auf Uhren, die von der Qualität her zur Haute Horlogerie gehören, aber im mittleren Preissegment angesiedelt sind, hat sich bewährt. Nach vier Verlustjahren schreibt das Unternehmen mit 23 Angestellten bei einem Jahresumsatz von 10 Mio. Fr. schwarze Zahlen. Die Produktion und der Verkauf von Uhren stieg von 7000 Stück im ersten Geschäftsjahr auf heute 17 000. Entwickelt wurden sechs Uhrenfamilien mit 100 verschiedenen Modellen. Vor kurzem ist ein weiterer Traum Spinedis Wirklichkeit geworden. Er konnte die ersten Armbanduhren vorstellen, die ein zusammen mit einer Partnerfirma im Berner Jura entwickeltes mechanisches Uhrwerk enthalten – ein wichtiger Schritt, um sich sachte vom alles beherrschenden Uhrwerkhersteller ETA zu lösen.

Der 1949 als Sohn eines Wirteehepaars in der Nähe von Yverdon geborene Spinedi gelangte über Umwege in die Uhrenbranche. Zu Hause habe er gelernt zu arbeiten, sagt Spinedi. Schon als Bub musste er bei Banketten den Eltern an die Hand gehen. Das Studium der Betriebswirtschaft an der Universität Lausanne finanzierte er sich als Begleiter von Couchette-Zügen – ein harter Job, wie er sich erinnert. Nach dem Studium arbeitete er als Verkaufsleiter und Marketingspezialist in der Elektronikbranche.

Den Grossteil seiner unorthodoxen Berufskarriere machte Spinedi in der Uhrenindustrie. Das Metier habe er bei der Swatch-Gruppe erlernt. Als Mitarbeiter von Tissot erlebte er in den achtziger Jahren die Fusion mit Swatch. Verantwortlich war er damals für das Geschäft mit den Filialen, eine Erfahrung, die ihm besonders nützlich ist, seit er selber für die Placierung seiner Uhren bei den Detaillisten kämpfen muss. Nach 10 Jahren Swatch fand er 1990 ein neues Betätigungsfeld bei der auf Quartz-Uhren spezialisierten italienischen Marke Sector. «Das war meine erste Startup-Erfahrung», sagt Spinedi. Er wurde beauftragt, die Marke neu zu positionieren und dieser – vor allem dank aggressivem Sponsoring von Abenteurer-Figuren wie etwa Hochseeseglern – den Weltmarkt zu öffnen. Innerhalb weniger Jahre gelang es, den Export von 0 auf 160 000 Uhren pro Jahr zu steigern. Von Sector trennte er sich nach sieben Jahren, als es zu Differenzen mit dem Besitzer des Unternehmens über die einzuschlagende Strategie kam. Nach einem neuerlichen Gastspiel bei Swatch, diesmal als Vizepräsident für den Verkauf, landete er bei einer Hörgerätefirma. Dort habe er bald einmal gesehen, dass er im falschen Film sitze, worauf er sich ins Abenteuer «Louis Erard» stürzte.

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