Jung, kommunikativ und branchenfremd – der neue CEO der Swissgrid, Pierre-Alain Graf.
24.11.2008,
Neue Zürcher Zeitung
«Die Strommarktliberalisierung reizt mich»
Der neue Swissgrid-CEO Pierre-Alain Graf tickt anders
gvm. Am 1. Dezember wird Pierre-Alain Graf sein nach Minergiestandards gebautes Haus in Basel verlassen und den Zug nach Frick zu seinem neuen Arbeitgeber Swissgrid besteigen. Nach einer zweimonatigen Einarbeitungszeit durch den abtretenden Hans-Peter Aebi wird Graf als CEO der nationalen Netzgesellschaft ein politisch heikles Amt übernehmen, denn das Unternehmen dient derzeit als willkommener Sündenbock für die bevorstehenden Erhöhungen der Stromtarife. Für den 45-jährigen Graf gibt es hingegen keine Zweifel, dass Swissgrid der falsche Adressat dieser Kritik ist.
Welche Ideen der neue Konzernchef ins Unternehmen konkret einbringen wird, darüber will er verständlicherweise noch nichts verraten, solange er nicht offiziell sein Amt angetreten hat. Die hier geäusserten Aussagen geben deshalb nur seine private Meinung wider. Doch im Gespräch kommt ansatzweise zum Ausdruck, bei welchen Themen der kommunikative Bilingue eigene Akzente setzen will. An die Übertragungsnetze der Schweiz würden künftig andere Anforderungen gestellt, nicht zuletzt wegen der Einspeisung von volatiler produzierter Energie aus Wind- und Sonnenkraft. Mittelfristig gehe der Trend zu einer Verschmelzung von IT und Strom, um die Effizienz in der Stromübertragung zu steigern. Wie wichtig intelligente Netze sind und was sie können, kennt Graf aus seiner langjährigen Tätigkeit in der Informatikbranche. Zuletzt war er während gut zweier Jahre General Manager Schweiz des amerikanischen Netzwerkausrüsters Cisco Systems, der hierzulande rund 250 Mitarbeiter beschäftigt, rund die Hälfte davon war ihm unterstellt. Zuvor arbeitete Graf für den Telekomanbieter Colt, für den er in Nordeuropa verschiedene Ländergesellschaften aufbaute, was ihn nach Stockholm und London brachte. Am Ende war er für das gesamte Europa-Geschäft der KMU-Kunden von Colt zuständig. In dieser Phase habe er auch gelernt, mit politisch heiklen Themen umzugehen – eine Fähigkeit, die er in seiner neuen Aufgabe sicher wird gut gebrauchen können.
Der neue Chef der rund 200 Mitarbeiter zählenden Swissgrid setzt sich zum Ziel, effizientester Anbieter in Europa zu sein. Er misst sich dabei an verschiedenen anderen Ländern, die diesen Schritt bereits gewagt haben. Weil er der Versorgungssicherheit oberste Priorität einräumt, erwartet er europäische Lösungen, ist doch die Schweiz eng im Stromnetz Europas eingebettet. Doch zunächst muss er aus den bisher separat geführten Teilnetzen der acht Verbundunternehmen die gesetzlich verlangte Zusammenführung angehen. Er ist sich der emotionalen Seite der Zusammenlegung bewusst. Deshalb will er diese Aufgabe mit einem kooperativen Ansatz und viel Kommunikation in Angriff nehmen.
Pierre-Alain Graf reizt es, die Öffnung des schweizerischen Strommarkts an vorderster Front mitzugestalten. Das sei auch die Erklärung, weshalb er den Wechsel von einem innovativen, privatwirtschaftlich geführten Umfeld zu einer noch zu liberalisierenden Branche wagt. Interessenkonflikte werde es dabei geben, doch am guten Willen aller Beteiligten zweifelt er nicht. Mit dem branchenfremden CEO dürfte ein frischer Wind in die Branche kommen. Gewisse Andeutungen lassen erwarten, dass er der Strombranche noch einigen angeregten Diskussionsstoff liefern wird.
Trotz seinem recht jungen Alter verfügt Graf über ein gutes berufliches Rüstzeug. Als Jurist der Universität Basel und Betriebswirt der Universität St. Gallen arbeitete er für die Credit Suisse First Boston in New York, wo er sich begleitend in der Kapitalmarktfinanzierung ausbilden liess. Wenn die Swissgrid einst Fremdkapital aufnimmt, wird ihr Chef also über die Finanzierungsinstrumente Kenntnis haben. Sein Wirken bei Swissgrid terminiert Graf auf mindesten 2013, dem spätesten Zeitpunkt, wenn die Netze auch buchhalterisch an Swissgrid übertragen werden.
Ausserhalb seines Berufs gilt Grafs Passion der Musik. Seine Querflöte nehme er zwar nicht mehr zur Hand und im Klavierspielen seien seine beiden jungen Töchter mittlerweile besser als er. Dafür rennt er ihnen beim Dauerlauf (noch) um die Ohren. Und sein nächstes sportliche Ziel hat er sich bereits gesetzt, auch wenn er dies noch nicht offiziell kundgibt – deshalb nur so viel: Am 30. Mai 2009 um 14 Uhr wartet Pierre-Alain Graf in einer Stadt im hohen Norden aufs Startsignal.
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