10.11.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Handelsdiplomatie und Alpinismus
Botschafterin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch sieht Parallelen
rg. Im Juli wurde am Sitz der Welthandelsorganisation (WTO) der x-te Versuch unternommen, die seit 2001 laufenden Gespräche zur weiteren Liberalisierung des Welthandels endlich zum Abschluss zu bringen. Doch die mehrtägigen Beratungen endeten einmal mehr in der Sackgasse. Seither tut sich wenig bis nichts in Genf, und so könnte man meinen, die Arbeitstage von Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch seien nun etwas weniger hektisch. Aber allein ein Blick auf ihr Pflichtenheft zeigt, dass dem nicht so ist. Die im Gespräch kompetent argumentierende und zuvorkommende Botschafterin ist nämlich nicht nur Chefunterhändlerin der Schweiz in den WTOVerhandlungen, sondern seit April 2007 auch Delegierte des Bundesrates für Handelsverträge sowie Mitglied der Geschäftsleitung beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Sie zeichnet somit auf Chefbeamtenebene auch für den Abschluss von Freihandelsabkommen mit Drittländern verantwortlich, und auf diesem Gebiet herrscht Hochkonjunktur.
Beispielsweise ist die Schweiz – zusammen mit ihren Efta-Partnern Norwegen, Liechtenstein und Island – zurzeit dabei, ein umfassendes Freihandelsabkommen mit Indien auszuhandeln. Ineichen, die vor kurzem eine erste Verhandlungsrunde mit den Indern in Delhi führte, gibt sich zuversichtlich, mit diesem bedeutenden Schwellenland eher früher als später die Wirtschaftsbeziehungen festigen zu können. Diese Einschätzung überrascht nicht. Diplomaten sind ohnehin zu Optimismus verpflichtet, doch bei der 1961 in Lausanne geborenen, aber in Bern aufgewachsenen Ineichen scheint diese Eigenschaft ein Wesenszug zu sein. Umso mehr muss die Spitzenbeamtin im Volkswirtschaftsdepartement der Fehlschlag an der WTO-Ministerkonferenz vom Juli schmerzen. Sie kleidet ihre Enttäuschung in die Worte: «Es ist schade, wir waren so nahe dran.» Wir doppeln nach und fragen, ob es nicht besonders frustrierend sei, dass bei der WTO seit Jahren um kleine und kleinste Handelsvorteile gefeilscht wird und gleichzeitig die gleichen Staaten überaus generös sind, wenn es um die Rettung ihres Bankensystems geht. Im Gegensatz zur Finanzmarktkrise sei bei der WTO der Druck für einen erfolgreichen Abschluss der Welthandelsrunde eben nicht gross genug gewesen, meint sie etwas nachdenklich, fügt aber sofort an: «Nicht mehr in diesem Jahr, aber später müssen wir die Gespräche zu einem guten Ende bringen.»
Hatte Ineichen schon immer den Wunsch gehabt, Handelsdiplomatin zu werden? «Nein, eigentlich nicht», erklärt sie mit erfrischender Offenheit. Richtig sei, dass sie fremde Kulturen und Sprachen schon als Kind fasziniert hätten. So spricht sie neben Deutsch und Französisch auch Englisch, Italienisch, Spanisch, Chinesisch und Russisch. Zudem entspreche es ihrem Naturell, lieber direkt ergebnisorientiert als beratend zu arbeiten. Deshalb habe sie nach ihrer juristischen Ausbildung (Abschluss als Fürsprecherin an der Universität Bern) auch nur ein Jahr als Junior Consultant bei McKinsey in Zürich gearbeitet. 1990 trat sie in die Dienste des damaligen Bundesamtes für Aussenwirtschaft (Bawi), zunächst nur in der Absicht, dort ein neues Tätigkeitsfeld kennenzulernen. Doch abgesehen von einem zweijährigen Abstecher nach Washington zur Weltbank (1992/1993) ist sie Bern treu geblieben und hat beim Bawi bzw. beim heutigen Seco mit bemerkenswerter Gradlinigkeit Karrierestufe um Karrierestufe erklommen.
Die verheiratete, aber bewusst kinderlos gebliebene Juristin mit Wurzeln nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland und Italien hätte mit ihrer Ausbildung, ihrem Fachwissen und ihren Sprachkenntnissen öfters die Chance gehabt, einen finanziell lukrativeren Posten anzunehmen. Ineichen nahm sie nicht wahr. Geld sei zwar nicht unwichtig, aber das Wichtigste sei für sie, das tun zu dürfen, was sie am meisten fasziniere. Das sei nun einmal die ungemein viele Facetten aufweisende Handelsdiplomatie – eine Arbeit im Übrigen, die nicht wenige Parallelen zu ihrer jüngsten Freizeit-Passion, dem Bergsteigen, aufweise. Hier wie dort seien die Vorbereitung, das Team, die Zähigkeit und die Ausdauer entscheidend, um ans Ziel zu gelangen. 24 Viertausender in Europa und Afrika hat sie schon erklommen. Ob es ihr auch gelingen wird, die beiden vielleicht noch höheren Gipfel, den Abschluss der Welthandelsrunde und des Freihandelsabkommens mit Indien, zu erreichen? Wie gesagt: Die Frau, die auch gerne Ski fährt und in die Oper geht, verströmt einen unerschütterlichen Optimismus.