Wirtschaft im Gespräch

Für Radovan Jelasic sind Politiker nicht deshalb unverantwortlich, weil sie Wahlversprechen abgeben, sondern weil sie Versprechen à tout prix einlösen wollen.

Für Radovan Jelasic sind Politiker nicht deshalb unverantwortlich, weil sie Wahlversprechen abgeben, sondern weil sie Versprechen à tout prix einlösen wollen.

03.11.2008,

Neue Zürcher Zeitung

Eine serbische Geschichte

Notenbankchef Radovan Jelasic – mit klarem Kurs in rauer See

tf. Belgrad, im Oktober
Dass es in Serbiens Politik mitunter etwas rau zu und her gehen kann, wird einem beim Betreten der Zentralbank bewusst. Zwar freundlich, aber bestimmt fordert der Portier, mitgeführte Schusswaffen bitte in der Loge zu deponieren. Da man indes in wohlwollender Absicht gekommen ist, wird einem bald der Weg gewiesen in einen ehrfürchtig anmutenden Sitzungssaal mit hoher Decke und dunklem Mobiliar. Schnellen Schrittes eilt der Hausherr, Radovan Jelasic, herbei, begrüsst den Gast – und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Grund für die Geste gibt es genug, zumal sich an diesem Morgen die Ereignisse an den Finanzmärkten wieder einmal überschlagen: ein Hilfskredit für Ungarn, ein Rettungspaket für die UBS und vieles mehr. «Jetzt aber Butter bei die Fische», kommentiert der junge Notenbankchef und klopft auf den Tisch.

Richtig gelesen: «Butter bei die Fische», sagt Jelasic, der ein perfektes Deutsch spricht. Und die alte deutsche Redensart – eine Aufforderung, nun zur Sache zu kommen – passt durchaus zu Serbiens oberstem Währungshüter, der mit seiner Meinung nicht zurückhält und sich energisch in Debatten einmischt, wenn er den wirtschaftlichen Kurs des Landes auf Abwegen sieht. Zurzeit tut er dies bei den seiner Ansicht nach allzu expansiven Budgetplänen, in die Parlamentarier teure Wahlversprechen – etwa eine Anhebung der Pensionen auf 70% der Durchschnittslöhne – einbetten wollen. Angesichts der Finanzkrise, des defizitären Haushalts und des Leistungsbilanzdefizits sei so etwas schlicht nicht umsetzbar.

Solch realpolitisches Sensorium ist zweifellos hilfreich beim Ringen mit Politikern. Und das Pochen auf Masshalten war nie nötiger als in diesen Tagen. Jelasics Führung der Zentralbank erhält von Experten denn auch gute Noten. In einem Umfeld, das man sich in den vergangenen Jahren (Stichwort: Kosovo-Konflikt) kaum turbulenter hätte vorstellen können, hielt er die Geldpolitik zuverlässig auf Kurs und liess sich von Einflüsterern nicht beirren. Das fachliche Wissen, die besonnene Kommunikation, aber auch das gesunde Selbstvertrauen, das Jelasic im Gespräch ausstrahlt, sind in Zeiten, da nur noch die Verunsicherung Hochkonjunktur hat, besonders wertvolle Eigenschaften an einer Zentralbankspitze; selbstverständlich sind sie nicht für einen erst 40-Jährigen. Jelasic gereicht zum Vorteil, dass seine Biografie die Umwälzungen Osteuropas geradezu idealtypisch nachzeichnet. Aufgewachsen in einer serbischen Familie, jedoch auf ungarischem Territorium nahe der multiethnischen Vojvodina, diente er noch in Ungarns Volksarmee, spielte dort mit russischen Soldaten Fussball, ehe er 1987 – angezogen vom offeneren Regime Jugoslawiens – für das Ökonomiestudium nach Belgrad zog. Als er dieses fünf Jahre später abschloss, war der Eiserne Vorhang gefallen, und die Neugierde galt Amerika. In Chicago fand er Unterkunft in einer ungarischen Kirche, die 1934 von einem Pfarrer aus seinem Heimatdorf gekauft worden war.

Mit einem amerikanischen MBA und einer amerikanisch-griechischen Ehefrau zog Jelasic 1995 nach Frankfurt, wo er vier Jahre für die Deutsche Bank und ein Jahr für McKinsey arbeitete. Als im Oktober 2000 das desaströse Milosevic- Regime endlich zu Fall kam und die Aufräumarbeit anstand, lockte der nachmalige Notenbankchef (und heutige Wirtschaftsminister) Mladan Dinkic seinen ehemaligen Kommilitonen in Serbiens Zentralbank, wo dieser bis 2003 als Vizegouverneur diente und 2004 das oberste Amt übernahm. Seine Frau, mit der er drei Söhne im Alter zwischen fünf und neun Jahren hat, war wenig begeistert, als er 2000 Hals über Kopf das sichere Deutschland verliess. Wie es in Serbien denn mit der Sozialversicherung aussehe, habe sie gefragt, und wie mit der Krankenkasse. «‹Vergiss solche Fragen›, antwortete ich. ‹Jetzt wird in Serbien Geschichte geschrieben.›» Eine Geschichte, die Jelasic bisher durchaus positiv mitverfasst hat.

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