27.10.2008,
Neue Zürcher Zeitung
«Die harte Restrukturierung steht noch bevor»
Der neue Clariant-Chef Hariolf Kottmann erläutert seine Pläne
ai. Muttenz, Ende Oktober
Als der Verwaltungsrat von Clariant Anfang September die Ablösung des schwedischen CEO Jan Secher durch den 53-jährigen Deutschen Hariolf Kottmann bekanntgab, war die Überraschung gross. Zum einen war nicht zu erkennen, was den Abgang von Secher, der zuletzt keineswegs erfolglos geblieben war, provoziert hatte. Zum andern war Kottmann in hiesigen Breitengraden ein unbeschriebenes Blatt, eine Tatsache, an der auch seine Wahl in den Clariant-Verwaltungsrat im April nicht viel geändert hatte.
Im Gespräch erhält man nun ein etwas plastischeres Bild des Unbekannten. Zwar äussert sich Kottmann nicht zu den Umständen des Führungswechsels, aber doch immerhin über das, was er als neuer Geschäftsleiter zu tun gedenkt. Dabei zeigt sich, dass er an der strategischen Ausrichtung, wie sie Secher vorgegeben hatte, nichts Wesentliches ändern will. Er sei sich mit dem Verwaltungsrat darüber einig, dass der Chemiekonzern eigenständig bleiben soll und der Verkauf ganzer Divisionen, namentlich des Textil-, Leder- und Papiergeschäfts, nicht in Frage komme. Letzteres bilde das «industrielle Rückgrat» von Clariant.
Kottmann scheint kein Mann der grossen Worte zu sein, und die bedächtige und gleichzeitig präzise Art, wie er Fragen beantwortet, vermittelt den Eindruck von Gelassenheit und Besonnenheit. Sein Urteil über den Zustand von Clariant ist nüchtern und kritisch. Er weist darauf hin, dass das Unternehmen, wenn man es auf der Grundlage von Performance-Indikatoren mit zwei Dutzend Konkurrenten vergleiche, immer auf dem zweit- oder drittletzten Platz lande. Kottmann ist zwar Anhänger eines Konzepts der kontinuierlichen Verbesserungen; die Probleme von Clariant sind seiner Meinung nach aber nicht mehr «evolutionär» zu lösen. Dem Unternehmen stünden «harte Restrukturierungen» bevor, erklärt er und weist darauf hin, dass es dabei auch «den einen oder anderen Personalabbau» geben werde. Zu reduzieren gelte es vor allem die Gemeinkosten. Erst danach sei die Firma imstande, eine Innovationskultur zu etablieren.
An seiner Entschlossenheit, Remedur zu schaffen, lässt Kottmann keine Zweifel aufkommen. Umso brisanter ist die Frage, welche Voraussetzungen er mitbringt, um dem - trotz ersten Erfolgen - immer noch lendenlahmen Unternehmen auf die Sprünge zu helfen. In Sachen Restrukturierung verfügt der neue CEO zweifellos über eine reiche Erfahrung. Er hat sich bei Hoechst, wo er nach seinem Chemiestudium in Stuttgart 1985 die erste Stelle antrat, als zielstrebiger Problemlöser hervorgetan. Betraut mit der Leitung der Feinchemikalien-Fabrikation, die zu teuer produzierte, sorgte er dafür, dass die Kosten nachhaltig gesenkt wurden. Als General Manager der Geschäftseinheit für anorganische Chemikalien, die chronisch defizitär war, trug er mit Teilveräusserungen einzelner Betriebe zur Beilegung der Schwierigkeiten bei. Und nach seiner Wahl in den Vorstand der SGL Carbon AG, eines Spin-off von Hoechst, war er wiederum zuständig für Restrukturierungen, die Zusammenlegung von Produktionsanlagen und den Abbau von Personal.
Der Werdegang Kottmanns macht deutlich, dass er mit dem Spezialchemie-Geschäft bestens vertraut ist. Was er dagegen noch kaum kennt - und das überrascht nach gut drei Wochen im neuen Amt auch nicht -, ist das Innenleben von Clariant. Mit den Führungsleuten der Divisionen beispielsweise hat er sich nach eigenem Bekunden noch nicht so weit bekannt gemacht, dass er bereits sagen könnte, ob es zu Mutationen kommen wird oder nicht. Zwei Schlüssel-Leute sind von sich aus gegangen, der Personalchef und der Leiter der internen Kommunikation. Er sei offen gegenüber allen und arbeite gerne zusammen mit starken Persönlichkeiten, betont Kottmann; gleichzeitig macht er aber auch deutlich, dass er an die Führungsmannschaft hohe Anforderungen stelle und wenn diese den Ansprüchen nicht genügten, müsse man die Konsequenzen ziehen.
Ein nicht unwesentliches Handicap hat Kottmann insofern, als er über keine Erfahrung als CEO verfügt, und im Unterschied zu seinem Vorgänger ist er auch nicht monatelang in seinen neuen Job eingeführt worden. Bei Kottmann war es ein Kaltstart. Ob das Know-how, das er sich als Manager grösserer Geschäftseinheiten angeeignet hat, genügt, um Clariant durch die sich abzeichnenden turbulenten Zeiten zu führen, wird sich zeigen. An Bewährungsproben dürfte es in naher Zukunft gewiss nicht mangeln.