Carlos Slim Helú kontrolliert über seine zahlreichen Unternehmen gut einen Drittel des an der mexikanischen Börse gehandelten Kapitals.
20.10.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Geschäftssinn und Macht des Patriarchen
Fast alle Mexikaner arbeiten Carlos Slim in die Tasche
axg. Mexiko-Stadt, Anfang Oktober
Der mexikanische Milliardär Carlos Slim Helú verfügt offenkundig über viele Sinne. Sein Geschäftssinn ist legendär und steht angesichts seines selber geschaffenen Firmenimperiums und Vermögens ausser Zweifel. Den ausgeprägten Familiensinn verrät der Blick aufs Organigramm: Alle fünf Geschäftsbereiche werden entweder vom 68-jährigen Patriarchen selbst oder von einem seiner Söhne – Carlos, Patricio, Marco Antonio – geführt. Als persönlicher Pressesprecher fungiert Arturo Elías Ayub, ein Schwiegersohn. Vom Kunstsinn des Unternehmers zeugt schliesslich der Sitz der Bank Inbursa. Den unprätentiösen Bau schmücken mehrere Werke des französischen Bildhauers Rodin und eine Unzahl von Gemälden, die dem familieneigenen Museum Soumaya entlehnt worden sind.
Seiner unternehmerischen Leidenschaft entsprechend äussert sich Slim am Esstisch freimütig über die Finanzkrise in den USA und die sich daraus ergebenden Erfordernisse, Chancen und Risiken. Warren Buffetts Einstieg bei Goldman Sachs bezeichnet er als «sehr gute Investition», und die mexikanische Regierung hält er dazu an, endlich das nationale Infrastrukturprogramm vorwärts zu treiben. Natürlich denkt er dabei an seine Konstruktionsfirma Ideal, aber auch aus makroökonomischer Sicht ist für ihn nun angezeigt, arbeitsintensive antizyklische Massnahmen zu treffen. Dafür sieht er Mexiko dank dem soliden Haushalt und dem Aufholbedarf im Infrastrukturbereich bestens gerüstet. Den USA wirft er dagegen vor, die biblische Lehre der sieben fetten und der sieben mageren Jahre nicht befolgt zu haben. Während der Boomphase hätten sie einen «enormen» Schuldenberg angehäuft, der heute Gegenmassnahmen zur Krise erschwere.
Slims Redefreudigkeit kommt nur bei Fragen zu einem bestimmten Thema ins Stocken: Ist er in seinem Land nicht längst zu mächtig geworden? Die Berechtigung der Sorge leuchtet jedem ein, der einen Tag in Mexiko verbracht und erlebt hat, dass es praktisch unmöglich ist, Slims Firmenkonglomerat auszuweichen. Mit Telmex und Telcel besitzt Slim die mit Abstand grössten Telefonie-Anbieter im Land; unter dem Dach des Grupo Carso sind Tabakfirmen, Detailhandels- und Hotelketten sowie ein Halbleiterhersteller vereint; Inbursa bietet verschiedenste Finanzdienstleistungen an, und Ideal sowie América Móvil sind in ganz Lateinamerika im Infrastrukturbereich bzw. im Mobilfunk tätig. Durch diese Unternehmen kontrolliert Slim gut einen Drittel des an der mexikanischen Börse gehandelten Kapitals. Vor allem die Tarifpolitik des ehemaligen staatlichen Monopolisten Telmex, den Slim 1990 übernommen hat, gibt internationalen Organisationen immer wieder Anlass zu harscher Kritik. Laut der Weltbank und der OECD hängt die Wachstumsschwäche Mexikos mit dem fehlenden Wettbewerb in Kernsektoren wie der Kommunikation zusammen. Die nach wie vor bestehende, von Slim aber vehement negierte Marktmacht erlaubt es Telmex und Telcel, im internationalen Vergleich weit überdurchschnittliche Preise zu verlangen. Die Wettbewerbskommission klagt, ausländische Investoren würden durch die hohen Kosten der Kommunikation abgeschreckt. Dennoch fehlte der Regierung bisher der Mut, mehr Wettbewerb durchzusetzen. Dass nicht einmal die spanische Telefónica, die in ganz Lateinamerika Slims Hauptkonkurrentin ist, die politische Macht dazu aufbringt, sagt viel über den Einfluss des «Empresario» aus.
Richtig ist aber auch, dass Slim sein Vermögen – zumindest vor dem Kauf von Telmex – in erster Linie wegen seines Unternehmersinns zu mehren verstand. Diesen erbte er von seinem Vater Julián, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Libanon eingewandert war und in Mexiko-Stadt sogleich ein Geschäft eröffnet hatte. Juliáns drei Söhne mussten bereits als Jugendliche über ihre Einkünfte und Ausgaben Buch führen und wöchentlich Rechenschaft ablegen. Der jüngste Sohn, Carlos, war schon damals der Erfolgreichste im Geldverdienen, weshalb es ihn nach dem Ingenieurstudium an die Börse zog. Das Wissen und die Ruhe, mit denen Slim über die Krise von 1929, den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und die mexikanischen Wirtschaftskrisen zu Beginn der achtziger und Mitte der neunziger Jahre spricht, legen nahe, dass er auch die jetzige Flaute nicht nur überstehen, sondern gewinnbringend nutzen wird.
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