Wirtschaft im Gespräch

Masahiko Mori sieht zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen der schweizerischen und der japanischen Geschäftswelt.

Masahiko Mori sieht zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen der schweizerischen und der japanischen Geschäftswelt.

06.10.2008,

Neue Zürcher Zeitung

«Die Ära des Verlegens von Fabriken ist vorbei»

Masahiko Mori zur Industrienatur Japans, Europas und Amerikas

Gy. Japanische Industrielle dürften sich unter schweizerischen und deutschen Kollegen wohl selten fremd fühlen.Wenn Masahiko Mori, Präsident des japanischen Werkzeugmaschinen-Konzerns Mori Seiki, an einer Tagung für Industriefachleute in Zürich über effiziente Produktion und Ausrichtung von Industriekonzernen spricht, scheint er auf der gleichen Wellenlänge zu sein wie die Manager europäischer Autohersteller, Maschinenbauer oder Elektrokonzerne. Sein jugendliches Auftreten trägt wohl dazu bei, dass der 47-jährige Maschineningenieur wirkt wie einer, der sich an der «technischen Front» bewegt. Mori kam vor rund zehn Jahren als Vertreter der zweiten Generation der Gründerfamilie an die Spitze des Konzerns; mit 37 Jahren war er damals jüngster Präsident einer in Tokio kotierten Firma.

Im Gespräch wird rasch klar, dass er sich in Europa ohnehin gut zurechtfindet. Früher kam er etwa zwei Mal pro Jahr in die Schweiz; fast aufs Geratewohl kann man ihm Schweizer Industrienamen nennen, und man erhält die Antwort: «Das ist ein Kunde.» Und seit Mori Seiki 2007 den in Le Locle ansässigen Präzisionsmaschinenhersteller Dixi übernommen hat, ist Mori häufiger, rund ein halbes Dutzend Mal pro Jahr, in der Schweiz. Er sieht im Geschäftsleben viele Gemeinsamkeiten zwischen Japan und der Schweiz. So hätten die Menschen ähnliche Einstellungen zur Arbeit, zeigten eine ähnliche Arbeitsethik, Stabilität und Verlässlichkeit – wenn auch die Schweizer viel politischer seien als die Japaner.

Auf der Stufe der Spitzenmanager sieht er deutlichere Kontraste. Seiner Ansicht nach sind die japanischen Manager stärker auf ihre Kultur fixiert, die Schweizer Spitzenleute dagegen wirkten offener gegenüber globalen Kräften, Sitten und Gebräuchen – auch offener gegenüber globalem Geld. Schweizer Firmen könnten leichter international Mittel beschaffen, in Japan dagegen sei das Finanzsystem ziemlich geschlossen. Japan verfüge zwar über eine hohe Wirtschaftskraft, sei aber für ausländische Investoren nicht gut zugänglich. Auf die Kontrolle und Stabilität des Kapitals zu achten, sei die japanische Art. In der Maschinenindustrie komme diese etwa auch in der Bedeutung der Langlebigkeit zum Ausdruck; zwanzig Jahre lang müssten die Maschinen sicher laufen. Der deutschsprachige Teil der Welt sei ähnlich gelagert. Die angelsächsische Sicht hingegen sei viel kurzfristiger, viel eher auf raschen Umschlag ausgelegt und stärker monetär orientiert; dies könne Werte zerstören – vor allem, wenn sich die Finanz-Orientierung auch in Ländern wie Indien und China ausbreite.

Mori betont, dass in Japan selbst der Chef eines Spitzenkonzerns nur auf etwa 2 Mio. Fr. Jahressalär komme. Er selber habe als Familienvertreter mit einem Aktienanteil von 5% (Familienquote rund 15%, «stabile Aktionäre» 35%) zwar ein rechtes Dividendeneinkommen, aber ein allzu am Reichtum orientierter Lebenswandel vertrage sich schlecht mit gesellschaftlichen Normen. Gewiss, die Japaner seien wohl zu stark standardisiert, aber die Amerikaner seien allzu offen, die Chinesen und Inder gar noch mehr. Deshalb wäre er durchaus für eine gewisse Regulierung der Einkommen mit Ober- und Untergrenzen, jedenfalls dann, wenn dies in unteren Einkommensschichten zu mehr Gesundheit, Bildung, Chancengleichheit führen würde.

Müsste sich ein Industrieller nicht viel eher darüber Sorgen machen, dass die Industrie aus den USA, Japan und Europa in Schwellenländer abwandert? Für Mori ist das eine altmodische Sichtweise. Gewiss, in den letzten 30 Jahren sei es so gewesen, aber die Produktion werde zurückkommen nach Nordamerika, Europa oder Japan. Es gebe zwar noch Manager, die die Asiaten vor allem als billige Arbeitskräfte und China als verlängerte Werkbank ansähen und deshalb Verlagerungen weiter favorisierten. Damit würden sie aber scheitern, denn Ziel der Asiaten sei es, den Stand der Amerikaner, Briten oder Japaner zu erreichen, und zwar rasch, sonst gebe es Konflikte.

Globalisierung als Verlagerung von Fabriken zu verstehen, sei deshalb verfehlt; die Ära dieses Geschäftsmodells sei vorbei. Als japanische Firma produziere Mori Seiki immer noch das meiste in Japan. Dass die Produktion nicht global verteilt sei, spiele keine grosse Rolle. Denn wenn Maschinen zwei Jahrzehnte lang laufen müssten, bestehe der Hauptteil des ganzen Geschäfts aus Service, Unterhalt, Wissen oder Ausbildung. Und wer industriell erfolgreich sein wolle, müsse sich vor allem bei den Dienstleistungen global ausrichten.

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