12.03.2007,
Neue Zürcher Zeitung
Rumänische Würste aus Schweizer Hand
Urs Angst – Bukarests feinster Charcutier
T.K.
In den späten 1980er Jahren wurde der Schweizer Markt eng für die Metzgerei Angst. Urs, einer der beiden Söhne von Firmengründer Heiri Angst, stand vor der Alternative «in der Schweiz aus dem Fleisch hinaus oder mit dem Fleisch aus der Schweiz hinaus». Der Entscheid sei ihm weitgehend abgenommen worden, sagt er heute: Rumänien durchlebte vor und nach dem Tod von Nicolae Ceausescu im Dezember 1990 bewegte Zeiten, vom Staat kamen keine Löhne mehr, die Lebensmittelversorgung brach zusammen, viele hungerten. Die Metzgerei Angst half mit einer Lastwagenladung Fleisch, «und so hatten wir plötzlich den Fuss in der Tür zu einem neuen Markt».
Weiteres Fleisch fand den Weg von Zürich nach Bukarest und wurde dort – zu einem Zehntel des Schweizer Preises – an die Bevölkerung abgegeben. Nun aber wollten sich auch die Zollbehörden ihren Teil am Geschäft sichern, der gespaltene Wechselkurs schaffte Probleme. Urs Angst liess sich nicht beirren. Mit einigen ausgedienten Maschinen aus Zürich richtete er 1991 in einem kleinen Schuppen in Bukarest eine eigene Wursterei ein. Es fehlte an allem, selbst an Seife und Putzlappen. Das Fleisch wurde unregelmässig angeliefert, und Hochinflation behinderte die Kalkulation. Doch bald liess sich die Nachfrage mit fünf oder sechs Mitarbeitern (mehr hatten im Schuppen nicht Platz) nicht mehr befriedigen. Noch vor der Einweihung eines neuen Betriebs in Buftea ausserhalb der Hauptstadt zwang ihn der frühe Tod seines Bruders Heiri jun. zurück an die Spitze der Zürcher Grossmetzgerei.
Es muss sich – der Schalk blitzt Urs Angst beim Erzählen förmlich aus den Augen – um eine faszinierende Erfahrung im damals noch chaotischen Land gehandelt haben. Mit Tricks, Geschick und wohl auch den Führungsfähigkeiten aus seiner Zeit als Grenadier-Hauptmann brachte er der rumänischen Belegschaft Schweizer Arbeitsdisziplin bei. Sie lernten, am Morgen rechtzeitig zur Arbeit zu kommen und am Abend die Hosentaschen nicht mit Würsten zu füllen. Und sie lernten die in Schweizer Metzgereien üblichen Qualitäts- und Hygienestandards. Angst ist sichtlich stolz auf seine Mannschaft, kein Wort der Klage kommt über seine Lippen, agil seien sie, fleissig und motiviert.
Das aber sind nun genau nicht die Eigenschaften, mit denen ausländische Investoren ihre rumänischen Angestellten sonst charakterisieren. Offenbar macht völlig andere Erfahrungen, wer – wie Urs Angst – die Fleischeraxt selbst in die Hand nimmt, in Tuchfühlung mit seinen Leuten Karkassen ausweidet und das Unternehmen Schritt für Schritt aufbaut. Gleiches gilt für den Umgang mit den Behörden. Die Begehrlichkeiten dieser Seite sind in Rumänien legendär, wie kürzlich auch eine allzu dreist operierende Schweizer Bank erfahren musste. Er aber, so betont Angst, habe sich nie zu Schmiergeldzahlungen hinreissen lassen. Selbst damals nicht, so schmunzelt er, als ein «eifriger» Zöllner für eingeführte Plasticdärme Veterinär-Zertifikate sehen wollte. Die Springreiter-Erfahrung zahlt sich aus: Offenbar hat Angst keine Mühe, Hürden in der Bürokratie und im Umfeld richtig einzuschätzen. So blieben ihm auch Mafia-Übergriffe, Schutzgeldzahlungen und Ähnliches erspart – sogar in den wilden Transformationsjahren, als die vormals staatlichen Vermögenswerte neu «verteilt» wurden.
Die Gewinne hat Angst immer in seinem Gastland belassen. Eineinhalb Jahrzehnte nutzte er sie für den Aufbau des Unternehmens, und jetzt, wo das Land boomt und sich endlich auch andere ausländische Investoren vorwagen, gehört er mit seinen Produktionsanlagen in Buftea, Sinaia und bald auch Klausenburg sowie 28 Bukarester Supermärkten zum nationalen Establishment. Der Marktanteil in der Hauptstadt belaufe sich auf 20%, über Geschäftsvolumen und Gewinn will Angst jedoch nicht reden.
Die aber sind in Rumänien leicht in Erfahrung zu bringen. So schrieb «Ziarul Financiar» im Januar, der Schweizer habe den Umsatz im Vorjahr von 40 Mio. auf 50 Mio. € ausgeweitet und rechne 2007 – dank weiteren Investitionen und Unternehmenskäufen – mit 65 Mio. bis 70 Mio. €. Der Reingewinn sei 2006 auf 1,2 Mio. € verdoppelt worden, und im laufenden Jahr komme eine weitere Million hinzu. Davon profitiert auch Rumänien: Für Angst «grenzt es ans Verbrechen», in einem entwicklungsbedürftigen Land verdiente Gelder abzuziehen – abgesehen davon, dass sie dort sehr viel besser aufgehoben seien als in der Schweiz mit ihren engen Margen im Metzgergewerbe.