Sheila Bair hat beim Kollaps von Washington Mutual eine Sparer-Panik verhindert.
29.09.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Der Kampf um das Vertrauen der Sparer
Sheila Bair – Chefin der US-Einlagenversicherung FDIC
hwf. New York, 28. September
Sheila Bair, die Leiterin der amerikanischen Einlagenversicherung FDIC, hat diese Sätze in letzter Zeit oft gesagt. Jetzt wiederholt sie sie noch einmal. «Die Leute werden kein Geld verlieren, selbst wenn ihre Bank zusammenbricht. Wir garantieren ihnen geradezu ununterbrochenen Zugang zu ihrem Geld.» Es ist acht Uhr morgens, ihr Mitarbeiter steht neben ihr im New Yorker Marriott-Hotel und drängt zum Aufbruch, der nächste Termin wartet. Doch Bair nimmt sich Zeit, sie beantwortet noch ein paar Fragen.
Das ist typisch für die 54-jährige Chefin der nach der Grossen Depression gegründeten Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) in Washington. Egal, ob es sich um Interviews mit Nachrichtensendern, Reden unter einem Spruchband mit der Aufschrift «Vertrauen und Stabilität» oder um Gespräche mit Zeitungsjournalisten handelt – die Republikanerin im dunklen Kostüm und mit der Perlenkette nimmt jede Gelegenheit wahr, um nach der Verschärfung der Finanzkrise und den Nachrichten über kollabierende Banken das Vertrauen der Sparer zurückzugewinnen. Die FDIC sei zuverlässig, sie habe noch nie einen Penny verloren und werde das auch in Zukunft nicht tun, verspricht Bair, die im August vom Magazin «Forbes» zur zweitmächtigsten Frau der Welt gekürt wurde – nach der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Vertrauen für den US-Bankensektor zu schaffen, ist derzeit eine äusserst schwierige Mission. Die FDIC hat in diesem Jahr bereits 13 in Not geratene Geldinstitute geschlossen, die Garantie für Kontoguthaben der Kunden über bis zu 100 000 $ übernommen und die Aktiva der Institute zum Verkauf angeboten. Ihre Bilanz dabei kann sich sehen lassen – vor allem angesichts der möglichen Panik, die die Pleite der grössten US-Sparkasse, Washington Mutual (WaMu), möglicherweise ausgelöst hätte, wenn Bair nicht blitzschnell gehandelt hätte. Sie liess das Finanzinstitut mit seinen Aktiva von 309 Mrd. $ praktisch über Nacht beschlagnahmen und verkaufte sie an die USBank JP Morgan weiter. So öffneten die 2300 Filialen von Washington Mutual am nächsten Morgen ohne Verzug, und die Sparer kamen nicht zu Schaden.
Auch den Einlagensicherungsfonds FDIC hat der Kollaps von Washington Mutual keinen Cent gekostet. Die US-Bank JP Morgan hat neben den Aktiva auch Einlagen über insgesamt 188 Mrd. $ für einen Preis von 1,9 Mrd. $ von der Federal Deposit Insurance Corporation übernommen. Für Problem-Banken ist dies ein Wink mit dem Zaunpfahl, sich so schnell wie möglich an stärkere Geldinstitute zu verkaufen. Denn die Aktionäre und Obligationäre von Washington Mutual gehen leer aus – was nicht der Fall gewesen wäre, wenn sie im März ein früheres Angebot von JP Morgan angenommen hätten. Bairs Vorsicht hat sicher auch damit zu tun, dass sich die mit Prämien der Mitgliedsbanken finanzierte Einlagenversicherung auf dem niedrigsten Stand seit 1995 befindet und sie die nächste Rechnung nicht an die Steuerzahler schicken will.
Ihr Handwerk hat Bair nach dem Jus-Studium bei dem republikanischen Politiker Bob Dole in Washington gelernt, der wie sie aus Kansas stammt. Sie war Vorsitzende bei der Terminmarkt-Aufsicht CFTC und Abteilungsleiterin im US-Finanzministerium, wo sie vor sechs Jahren auf Betrug beim Verkauf zweitklassiger Hypothekenkredite hinwies, ohne eine Reaktion zu erhalten. Vielleicht war dies einer der Gründe, warum Bair Washington verliess, um an der University of Massachusetts Finanzwesen zu unterrichten. Dass Bair mit Pippi Langstrumpf ebenso vertraut ist wie mit Finanzinstrumenten, zeigte sich, als sie zwei Bilderbücher veröffentlichte. Eine der Geschichten erzählt, wie Zwillinge die Tugend des Geldsparens erlernen und später zu Millionären werden.
Zu den wichtigsten Themen, derer sie sich seit ihrer Rückkehr nach Washington angenommen hat, gehört die Ersetzung zweitklassiger Hypothekenkredite. Nach dem Kollaps der Hypothekenbank IndyMac entwarf Bair ein Programm, wonach zweitklassige Hypothekarschulden in ordentliche Hypotheken mit 30-jähriger Laufzeit und einer Zinsobergrenze von 6,5% umgeschuldet werden sollen, um Zwangsvollstreckungen zu vermeiden. Das Programm gilt als Testfall für die Regelung künftiger Pleiten. Seit der Versicherer AIG ein staatliches Notpaket von 85 Mrd. $ erhielt, fordert Bair ausserdem neue Regeln für Finanzinstitute, die nicht bei der FDIC versichert sind, weil sie keine Einlagen annehmen können. Sie will einen von dieser Branche finanzierten Versicherungsfonds errichten, damit sich in Not geratene Institutionen nicht mit Steuergeldern sanieren müssen. Ein solches Programm soll auch bei der US-Notenbank und beim Finanzministerium im Gespräch sein.
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