Als Unternehmer, Sanierer, Experte und Mäzen hat Giorgio Behr in der Schweiz schon einiges bewegt.
15.09.2008,
Neue Zürcher Zeitung
«Höre immer auf, bevor ich Neues beginne»
Unternehmer Giorgio Behr baut sich ein Konglomerat
gvm. Konglomerate, breit diversifizierte Mischkonzerne, geniessen einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, meint Giorgio Behr, der im Begriff ist, sich aus eigenen Mitteln ein Schweizer Industriekonglomerat zu zimmern. Vorläufig letzter Teil soll der Ostschweizer Schleifmittelhersteller Sia Abrasives sein, an dem Behr mittlerweile 38% – womöglich aber auch mehr – erworben hat und den er gerne ganz übernehmen möchte, um ihn seiner Behr Bircher Cellpack (BBC Group) als eigenständigen Bereich anzuhängen. Solange sich der Sia-Verwaltungsrat zu seinem Pflichtangebot nicht geäussert hat, sagt Behr freilich nur, er strebe mit Sia ein «profitables Wachstum» an.
Der 60-jährige Behr ist in der Schweizer Wirtschaftsszene eine schillernde Figur, die schon viele und zum Teil bleibende Spuren hinterlassen hat. In seiner ersten Karriere war der Doktor der Rechtswissenschaft und diplomierte Wirtschaftsprüfer als Berater unterwegs. 1984 baute er die Beratungsfirma BDS auf, die sich mit Restrukturierungen und Unternehmenskäufen befasste. Als Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen erarbeitete sich Behr auch in der Wissenschaft ein grosses Renommee. Er vertrat die Schweiz in internationalen Fachgremien der Rechnungslegung, was ihm die Etikette des «Rechnungslegungspapstes» eintrug.
Der langjährige Anhänger des Economic-Value-Added-Ansatzes (EVA) nutzte seine Erfahrung im Finanzwesen und in der Rechnungslegung, als er sich später als Unternehmer übte, der sein eigenes Geld riskiert. Zusammen mit dem Management und Anton Bucher-Bechtler übernahm Behr im Herbst 1991 den überschuldeten Apparatebauer Bircher Reglomat; die Firma wurde rund zehn Jahre später mit der Cellpack zusammengeführt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die knapp 1200 Mitarbeiter zählende BBC Group einen Umsatz von 330 Mio. Fr. Vor einigen Monaten gesellte sich die Waadtländer Verpackungsgesellschaft Baumgartner hinzu, die sich gut in die Gruppe einfügt. Falls die Übernahme von Sia klappt, dürfte sich die Finanzierungslage der BBC, die Behr aufgrund der Zahlen von 2007 (Eigenkapitalquote 75%) als «überkapitalisiert» bezeichnete, normalisieren.
Richtig ins Rampenlicht der Öffentlichkeit geriet Behr jedoch erst als Verwaltungsratspräsident und zeitweiliger Mehrheitsaktionär des Textilmaschinenkonzerns Saurer, der heute zu OC Oerlikon gehört. Als Gründungsmitglied und Miteigentümer der Bank am Bellevue mit ihren Beteiligungsgesellschaften BB Biotech und BB Medtech spielte der aus bescheidenen Verhältnissen kommende Behr auch bei diesem Kapitel eine entscheidende Rolle. Als sich die Fusion mit Swissfirst anbahnte, verabschiedete er sich jedoch. So hielt er es auch bei vielen anderen Engagements, die er während seiner vielschichtigen Karriere als Manager, Sanierer, Berater und Experte bekleidete. «Ich höre immer auf, bevor ich etwas Neues beginne,» erklärt er im Gespräch. So gab er auch das Präsidium der Treuhandkammer, das Verwaltungsratsmandat bei Hilti und seine Professur in Betriebswirtschaftslehre ab, bevor er sich anderen Aufgaben widmete. Sein jüngster Job führte ihn ins angrenzende Ausland. Im Mai wurde Behr zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats der ZF Friedrichshafen gewählt, eines riesigen Automobilzulieferers, der an 119 Standpunkten rund 60 000 Mitarbeiter beschäftigt und 2007 einen Umsatz von 12,6 Mrd. € erwirtschaftete.
Mit gleichem Ehrgeiz und gleicher Zielstrebigkeit wie als Unternehmer betreibt Behr seine sportlichen und gemeinnützigen Projekte. Als Präsident und Mäzen der Kadetten Handball will er aus dem nationalen Spitzenteam einen europäischen Champion formen. Die Idee einer neuen Sportstätte in Zürich Oerlikon, wo sich einst seine Kadetten mit den Besten Europas messen sollen, geistert ihm bereits durch den Kopf.
Dank seinem Verhandlungsgeschick schaffte es Behr nicht nur, eine historische Stahlbrücke, die zwischen Etzwilen und Singen über den Rhein führt, vor der Verschrottung zu retten, sondern er holte auch noch Zuwendungen vom Nationalfonds heraus. Mit seiner Gabe, Leute motivieren und Aufgaben delegieren zu können, gelingt es ihm immer wieder, sich neue Hüte aufzusetzen, ohne aber den Eindruck zu erwecken, überfordert zu sein. Um mondäne Gesellschaftsanlässe macht er hingegen einen weiten Bogen, und auch auf dem Golfplatz sieht man ihn nicht. Lieber fährt er mit dem ältesten seiner vier Söhne Eisenbahn oder schöpft in der bergigen Heimat seiner Tessiner Mutter Kraft für neue Taten.
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