06.04.2009,
Neue Zürcher Zeitung
Vom Spielmacher zum Bankchef
Frédéric Oudéa setzt bei der Société Générale auf Teamgeist
bau. Genf, Ende März
Der untersetzte Herr auf der anderen Seite des massiven Konferenztisches gehört zu jenen französischen Bankern, die, teils der inneren Stimme, teils dem Druck der Strasse gehorchend, 2008 auf ihre Boni verzichtet haben. Zwar sei es in Frankreich bei den Entschädigungen nie zu solchen Exzessen wie in den USA gekommen, sagt Frédéric Oudéa, der Chef der französischen Société Générale (SG). Aber nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers sei die Welt eine andere geworden. Er geht davon aus, dass die Bonuszahlungen weltweit sinken werden. Möglicherweise werde man zu einem international abgestimmten und von den Aufsichtsinstanzen regulierten System kommen. Ihre Boni in Form von Vorzugsaktien sollten die Banker erst nach drei bis fünf Jahren Karenzzeit beziehen, meint Oudéa.
Wie ein Produkt aus der Retorte, ohne grosse Umwege und ganz den Sitten und Gebräuchen der französischen Funktionärselite folgend, ist der 1963 geborene Oudéa die Karriereleiter emporgestiegen und vor einem Jahr zum Chef der SG ernannt worden. Sein Vater mit ungarischen Wurzeln starb, als er 13 Jahre alt war. Die Mutter, eine gelernte Apothekerin aus Paris, zog den Knaben auf. Schüler der renommierten Ecole Polytechnique und der unausweichlichen Ecole Nationale d'Administration, verdiente er sich seine Sporen zunächst im Staatsdienst ab.
Von 1993 bis 1995, als Sarkozy Budgetminister war, begleitete er diesen als Berater für Soziales, Landwirtschaft und Europafragen. Doch Oudéa winkt sofort ab, wenn man ihn als Busenfreund des jetzigen Staatspräsidenten bezeichnet. Lachend sagt er, weder gehe er mit Sarkozy joggen, noch rufe ihn dieser an, um seine Meinung zum Lauf der Welt zu erfahren. Seit dem Jahr 1995 arbeitet Oudéa für die SG, davon drei Jahre als Verantwortlicher des Corporate Banking in London.
Der Directeur général der SG glaubt in der Unternehmensführung nicht an den «homme providenciel», das überragende Genie. Auch mit Leuten, die meinen, die letzten Wahrheiten zu besitzen, kann er nicht viel anfangen. Bei ihm dreht sich alles ums Team. 85% der Probleme seien gelöst, wenn die Equipe gut funktioniere, der Rest seien Glück und äussere Umstände. In seiner Jugend war er ein begeisterter Fussballer. Kein Zufall, am liebsten spielte er als Nummer 10, in der Position des Spielmachers. Heute tritt er im Tennis gegen seine Ehefrau an, eine Gewinnerin des Orange Bowl, und liebt das sonntägliche Spiel mit seinen zwei kleinen Kindern.
Im Berufsalltag sollen seine Equipen gut durchmischt sein. Als er bei der Bank CFO wurde, unternahm er alles, damit Männer und Frauen gleich stark vertreten waren und dass neben Franzosen auch Ausländer in den Stab geholt wurden. Den Personalmanagern empfiehlt er, bei der Rekrutierung mehr Risiken einzugehen, um einen guten Mix zu erreichen. Die SG müsse sich als Unternehmen profilieren, in dem jeder arbeiten möchte. In der Zukunft sieht er einen harten Kampf um Talente voraus.
Auch bei der SG seien 2008 toxische Aktiven aufgetaucht. Doch seine Bank habe die Krise besser gemeistert als andere Konkurrenten, betont Oudéa. Die forcierte Entschuldung im Finanzsektor bezeichnet er als eine Art Reinigungskur. Man sei zu einem gesünderen Umfeld zurückgekehrt, in dem der Spread steigt, die Margen die tatsächlichen Kosten für Risiken besser widerspiegeln und die Strukturen im Kreditsektor gesunden. Das Wegsterben von Konkurrenten im Investment Banking lässt ihn hoffen, seine Bank werde in die Lücke treten und neue Kunden gewinnen. Die «Exposure» der SG in Osteuropa, wo die Bank Filialen in Tschechien, Russland und Rumänien betreibt, sei trotz schwierigem Umfeld unter Kontrolle. Man dürfe diese Länder nicht, wie dies häufig geschehe, über einen Leisten schlagen, denn es gebe Unterschiede in der Bankenkultur, etwa bei der Kreditvergabe.
Wie der grosse Konkurrent BNP Paribas hat auch SG als Krisenpolster Geld vom Staat erhalten. Für Oudéa ist klar, dass der Sozialvertrag zwischen Banken und Staat als letztem Garanten des Bankensystems neu geschrieben werden müsse. Dabei habe das Modell der Universalbank keineswegs ausgedient, vielmehr werde es gestärkt aus der Krise hervorgehen. Wie viel Eigenkapital eine Bank habe, sei keineswegs nur eine banktechnische Frage, sondern auch eine politische, denn davon hänge ab, wie viel Kredit für Konsum und Investitionen zur Verfügung stehe.