23.08.2008,
Neue Zürcher Zeitung
«Direktor für das Unnötige»
Urs Kienberger – Miteigentümer des Hotels Waldhaus in Sils
kam. Mit dem ihm eigenen Understatementer nennt sich Urs Kienberger «Direktor für das Unnötige». Das absolut Notwendige, die operationelle Führung des Fünfsternehauses hoch über den Engadiner Seen, besorgen Kienbergers Schwester Maria und ihr Mann Felix Dietrich, beides ausgebildete Hoteliers und Co-Direktoren im 100-jährigen Familienbetrieb. Kienberger, den Urenkel des Hotelgründers, beschäftigen zwar auch betriebswirtschaftliche Strategiefragen, doch mit Hingabe und Eigensinn kümmert sich der studierte Ökonom um eine Vielzahl von Details, die den eigenwilligen Charakter des Hotels ausmachen.
«Manche mögen es absurd finden, dass wir uns intensiv mit der Gestaltung von Etagenkorridoren abgeben», amüsiert sich Kienberger, der kurz vor Mittag das französischsprachige Tagesmenu kontrolliert («ein Spleen von mir», wie Kienberger sagt). Statt Korridore simpel als «Weg zum Zimmer» abzutun, sieht er sie als Teil des Hotelerlebnisses. Im «Waldhaus» sind die Gänge mit schweren Teppichen ausgelegt, und eine Chaiselongue mit Blick auf die Bergeller Berge strahlt wohnliche Wärme aus. Die Korridore wurden mit 30 000 nachgefertigten Fliesen restauriert und die Zimmertüren mit Hinterglasmalerei gestaltet. Man würde sich nicht wundern, wenn in dieser Umgebung Thomas Mann, Theodor Adorno oder Richard Strauss, einst treue «Waldhaus»-Pensionäre, aus einem der Zimmer träten.
Im Wettlauf der Engadiner Luxushotellerie um durchgestylte Gemächer und extravagante Wellness-Oasen kann das «Waldhaus» mit seinem vergleichsweise bescheidenen Investitionsbudget nur beschränkt mithalten. Kienbergers Strategie lautet daher, Geld für Dinge auszugeben, die sich die anderen nicht leisten: Institutionen wie das Trio Farkas, ein ständiges Hausorchester. Eigentlich wisse er gar nicht, ob die Mehrheit der Gäste darauf wirklich Wert lege, sinniert Kienberger. Doch er lässt keine Zweifel offen, dass die Musik auch deshalb weiter spielt, weil er auf diese kostspielige Liebhaberei Wert legt. Rendite erachtet Kienberger zwar als vernünftiges Disziplinierungs- und Steuerungsinstrument. «Nur ist das, was wir hier tun, nicht allein wirtschaftlich motiviert.» Er charakterisiert das Hotel als kreative Spielwiese, als Teil seiner eigenen Identität, auf der ein Ertrag anfalle, der nicht messbar sei.
Als 20-Jähriger hätte sich Kienberger freilich nicht vorstellen können, jeden zweiten Abend für zwei Stunden im Speisesaal zu zirkulieren und sich von Tisch zu Tisch nach der Befindlichkeit der Gäste zu erkundigen. Vielmehr war er von der Welt der Zahlen und Bücher angetan. Er entschied sich für ein Volkswirtschaftsstudium in St. Gallen, assistierte danach in den USA an einer Universität. Nach 19 Jahren USA kehrte er in die Schweiz zurück, zwar ohne Doktorhut, aber mit Nancy, seiner Frau. Kienberger arbeitete beim Schweizerischen Bankverein und merkte, dass sein Herz doch für das «Waldhaus» schlug. Vor seinem Wechsel in das Hotel, in dem er aufgewachsen war, sah sich der Quereinsteiger nach einem Rettungsschirm um – er hatte die Zusage, beim Bankverein weiterbeschäftigt zu werden, sollte ihm das Abenteuer nicht behagen.
Kienberger hat eine Rolle gefunden, in der er sich wohl fühlt. Beim Gespräch in der Bar wirkt er entspannt und gut gelaunt. Die Frage, ob es nicht geradezu zwangsläufig zu Spannungen komme, wenn drei Familienmitglieder als Co-Direktoren ein Hotel führten, bejaht Kienberger ohne Zögern. Zum einen entstünden Konflikte, weil in einem Familienbetrieb eine klare Gewaltentrennung fehle. Zum anderen auch, weil er mit hartem Kopf für seine Ideen kämpfe. Man hat freilichnicht den Eindruck, dass sich das Direktions-Trio ständig in den Haaren liegt. Kienberger spricht von einer gemeinsamen Grundhaltung. Und die Spannung der Mehrfach-Direktion bringe viele Vorteile mit sich. Ideen und Projekte würden klarer formuliert und hinterfragt.
Meinungsverschiedenheiten entstehen hin und wieder, wenn Kienbergers Vorlieben für Nostalgie und Ästhetik praktischen Anforderungen in die Quere kommen. Sein Schwager hätte es vorgezogen, beim Umbau der Küche eine tiefere Decke einzuziehen. Dadurch wäre die Belüftung erleichtert worden. Und auch die schlanken Design-Leuchtkörper über dem Herd überzeugen zwar das Auge, sind aber in einer Hotelküche nicht sehr zweckmässig. Nicht durchsetzen konnte sich Kienberger hingegen beim Thema «Sternchen-Butter». Der zu Himmelskörpern gestochene Brotaufstrich fehlt heute beim «Waldhaus»-Frühstück. Er musste abgepackter Portionenbutter weichen.