18.08.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Der Juwelier der Reichen und Schönen
Für Laurence Graff sind Diamanten Passion und Geschäft
bau. Bei Insidern kennt man ihn als den «Diamantenkönig». Bei «Forbes» steht Laurence Graff auf der Liste der 500 Milliardäre dieser Erde. Mit einem persönlichen Vermögen von 2,5 Mrd. $ rangiert der Unternehmer allerdings am unteren Ende der Liste. Bei den Konkurrenten rümpft man die Nase, weil der gebürtige Brite zur privilegierten Gruppe der «Sightholders» von De Beers, also zu den gut 70 Grosskunden des übermächtigen Produzenten von Rohdiamanten, gehört. Von sich selber sagt Graff, er halte Ausschau nach einigen wenigen Leuten auf der Welt; er wisse, dass diese Leute auch ihn suchten. Der Mann im Massanzug und den feinen Manieren ist einer der wichtigsten Figuren auf dem Markt für teure Schmuckdiamanten.
Ob «The Hope of Africa», «The Begum Blue» oder «The Idol's Eye»: Durch Graffs Hände sind die kostbarsten Diamanten der Welt gegangen. Erst vor kurzem hat er den grössten je gehandelten Diamanten, einen afrikanischen Stein von 243 Karat, verkauft. Den Jahresumsatz seiner weit verstreuten, aber immer auf Diamanten und Schmuck ausgerichteten Unternehmen beziffert Graff auf gut 1 Mrd. $. Sein Imperium, das von New York, London und Johannesburg aus gesteuert wird, ist vertikal integriert. Anders könne man mit Diamanten gar nicht geschäften, sagt Graff bei einem Zwischenhalt in Genf. Wohl bewacht hinter kugelsicherem Glas empfängt hier seit kurzem die dreissigste Graff-Boutique die distinguierte Kundschaft. Viele Bergwerke seien erschöpft, Diamanten eine Mangelware. Ständig müsse man dafür besorgt sein, dass neue Steine in die Läden gelangten, fährt er fort.
Im Diamantengeschäft ist Graff Grossist und Detaillist in einem – nur die Produktion in den Bergwerken, die überlässt er anderen. Dazu kommt eine Juwelierwerkstatt in London, wo Diamanten in Schmuckstücke gefasst und nachher unter der Eigenmarke verkauft werden. Graff unterscheidet sich von kleineren Fischen in der Branche dadurch, dass in seinen Boutiquen mehrheitlich grosse Diamanten über den Ladentisch gehen, mithin Edelsteine, die über 1 Karat messen. Wer bei einer Graff-Filiale durch die Sicherheitsschleuse schreitet, tut deshalb gut daran, die grosse Kreditkarte mitzubringen. Graff-Kunden geben im Schnitt pro Einkauf zwischen 100 000 $ und 1,5 Mio. $ aus. Die Extreme liegen bei 25 000 $ für den preisgünstigsten Diamanten bis zu 25 Mio. $ für rare Sammelstücke.
«Wenn es sein muss, kann ich selber Diamanten polieren und Schmuck herstellen», sagt Graff nicht ohne Stolz. Perfekt passt er ins Schema des Selfmademans, der sein Geschäft von der Pike auf gelernt hat und im Laufe seines Lebens immens reich geworden ist. Schmuck herzustellen, sei wunderbar. Jeden Tag schaffe man Schönheit. Schon als Knabe sei er vor den Auslagen der Juweliergeschäfte stehen geblieben und habe fasziniert die kleinen Diamanten betrachtet. Früh habe er die Schule verlassen. Er habe wählen können, ob er Juwelier, Optiker oder Zahntechniker werden wolle. Bei einem Juwelier in London sei er in die Lehre gegangen. Mit 17 Jahren habe er sein erstes Geschäft gegründet, einen Schmuckladen, in dem man vor allem Eheringe kaufte.
Fünf Jahre später habe er mit Diamanten zu handeln begonnen. Danach sei es auf der Leiter nur noch aufwärtsgegangen, sagt der Engländer, der sich in der Schweiz niedergelassen hat. Sein Rezept: Immer Top-Qualität liefern. Noch heute werden in seinen Boutiquen nur erstklassige Steine geführt. Zweite Wahl verkauft er anderen Händlern weiter. Seinen Bedarf deckt er zur Hälfte bei De Beers. Der Rest stammt aus anderen sicheren Quellen. Diskussionen rund um die sogenannten «Blutdiamanten» sind für Graff vom Tisch, weil jeder Diamantenverkauf, auch wenn er innerhalb einer Unternehmergruppe erfolge, immer zertifiziert sein müsse.
Seit Jahren boome das Geschäft. Im letzten Jahr habe sich der Preis für rohe Diamanten verdoppelt, in den letzten drei Jahren verdreifacht. «You can not find a diamond», lamentiert der ältere Herr mit der sanften Stimme. Die Nachfrage sei ungebrochen. Neue kaufkräftige Käuferschichten aus Russland, Indien, Brasilien und zunehmend aus China drängten auf den Markt. Wer in Diamanten investiere, könne nie verlieren, heisst das Credo von Graff. Wohl seien in letzter Zeit Steine verkauft worden von Leuten, die, wie an der Börse, Profite mitnehmen wollten. Doch in der Regel seien Diamanten – nach Frau und Haus – das Letzte, von dem man sich trenne.