04.08.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Ein Kreuzritter gegen die Mafia
Siziliens Arbeitgeberpräsident Lo Bello bietet Cosa Nostra die Stirn
Tz. Catania, Ende Juli
Unternehmer gelten gemeinhin als risikofreudig. Ausserordentlich unerschrocken ist der sizilianische Arbeitgeberpräsident und Unternehmer Ivanhoe Lo Bello. Nicht von ungefähr wird der Vater von zwei Töchtern rund um die Uhr von Leibwächtern der Polizei begleitet. Er hat der Cosa Nostra den Kampf angesagt und im letzten September einen neuen Ethik-Kodex durchgesetzt, nach dem Unternehmer, die der Mafia weiterhin den «Pizzo», das berüchtigte Schutzgeld, zahlen oder sonst mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeiten, aus der Confindustria, der Vereinigung der Industriellen, ausgeschlossen werden.
Äusserlich erinnert Lo Bello kaum an einen mutigen Kreuzritter – trotz seinem symbolträchtigen Vornamen, den er im Andenken an einen schottischen Freund seines Grossvaters erhalten hat. Der grazile, scheu lächelnde 45-jährige Mann mit der Halbglatze entspricht auch nicht dem Bild des vor Temperament überschäumenden Sizilianers, sieht man davon ab, dass er seine Kollegen, mit denen er vor dem Interview am Flughafen von Catania eine Vorstandssitzung abgehalten hatte, mit einem Kuss auf die linke und die rechte Wange verabschiedet.
Schnörkellos erklärt Lo Bello den Kurswechsel beim Industriellenverband, dessen lokale Sektionen von der Mafia immer wieder infiltriert wurden. Feige hatte sich die Organisation einst auch im Fall des Unternehmers Libero Grassi verhalten, der den «Pizzo» verweigerte und 1991 von der Mafia ermordet wurde. Ein früherer Präsident der Confindustria in Palermo behauptet gar, dass Grassi nur für sich selber habe Werbung machen wollen und er kein Unternehmen kenne, das Schutzgeld bezahle.
Lo Bello legt dar, dass der neue Kodex seine Wirkung nicht verfehle und von immer mehr Unternehmern ernst genommen werde, nachdem bereits mehrere Dutzend Mitglieder ausgeschlossen worden seien. Selbst in der traditionellen Mafia-Hochburg Palermo hätten mittlerweile rund 40 Unternehmer Anzeige gegen ihre mafiosen Erpresser erstattet, die von ihren Opfern je nach Branche ein Schutzgeld von 3% bis 5% der Erlöse verlangen. Solche Denunzierungen sind laut Lo Bello auch deshalb häufiger geworden, weil die Polizei die Kläger weit konsequenter als früher unterstützt. Dass die Mafia aber noch längst nicht ausgemerzt ist, weiss Lo Bello. Doch ist er überzeugt, dass das Ende der grossen Plage begonnen hat. Ermutigend sind nicht nur die neuen Selbsthilfeorganisationen von Unternehmern, Ladenbesitzern und Konsumenten, die vielerorts «Pizzo-freie» Zonen zu schaffen versuchen. Für Zuversicht sorgt zudem, dass im letzten November, nur anderthalb Jahre nach der Festnahme des langjährigen «Bosses der Bosse», Bernardo Provenzano, bereits dessen mutmasslicher Nachfolger, Salvatore Lo Piccolo, zusammen mit anderen führenden Mafiosi gefasst werden konnte.
Dass er selber bisher von der Mafia verschont blieb, führt Lo Bello auf seine Herkunft aus Syrakus zurück, wo das organisierte Verbrechen weit weniger stark als in anderen Städten präsent sei. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass es in seiner Heimatstadt weit mehr Unternehmen gebe, die vom Weltmarkt abhingen statt von öffentlichen Aufträgen, die von der Mafia am liebsten ausgebeutet werden. Lo Bello setzt sich denn auch für die starke Verbreitung einer «Marktkultur» zur Eindämmung des Einflusses der Mafia ein. Er selber stammt aus einer Unternehmerfamilie, die sich in den 1930er Jahren auf die Herstellung von Biskuits für Kleinkinder zu spezialisieren begann. Daneben hat Lo Bello, der Jurisprudenz studierte, zwei kleinere Unternehmen für elektrische Industrieanlagen aufgezogen. Und im April wurde er auch noch zum Verwaltungsratspräsidenten der auf der Mittelmeerinsel einflussreichen Unicredit-Tochter Banco di Sicilia ernannt.
Lo Bello geniesst in Sizilien grosse Popularität und war deshalb auch immer wieder als möglicher Kandidat für die Präsidentschaft der Region im Gespräch. Von einem Einstieg in die Politik will er jedoch nichts wissen und betont seine Neutralität. «Gegen die Mafia zu kämpfen, ist weder ein linkes noch ein rechtes Anliegen», sagt er, konsultiert seinen Blackberry und entschuldigt sich dafür, dass ihn ein Flug nach Abu Dhabi erwartet, wo er neue Geschäfte explorieren will.