Seit über 30 Jahren hält Russell M. Artzt, Vice Chairman und Gründer von CA, dem Software-Unternehmen mit turbulenter Vergangenheit die Treue.
21.07.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Die Loyalität in Person
Russell Artzt kittet den angeschlagenen Ruf der Software-Firma CA
gvm. Der Wille zur inneren Selbstverpflichtung und Treue zieht sich wie ein roter Faden durch die Karriere von Russell Artzt: Loyalität gegenüber dem Unternehmen, das er vor über 30 Jahren mit Charles Wang gegründet hat, Loyalität seitens des Hauptaktionärs Walter Haefner, der dem Hersteller von Management-Software durch dick und dünn treu geblieben ist, und schliesslich Loyalität seiner Gattin gegenüber, mit der der 61 Jahre alte Mathematiker seit seiner Jugendzeit verbunden ist; zusammen haben sie drei Kinder sowie fünf – und offenbar bald sechs – Grosskinder.
Ohne diese Tugenden gäbe es den hinter IBM zweitgrössten Management-Software-Konzern CA, der bis vor einigen Jahren unter Computer Associates International bekannt war, wohl nicht mehr als eigenständiges Gebilde. Begonnen hat die zeitweise spektakuläre, manchmal traurige Geschichte von CA in einem besseren Wandschrank in einem Gebäude an der New Yorker Madison Avenue, das dem Unternehmen als erster Standort diente. Ohne Wagniskapital – das gab es damals an der amerikanischen Ostküste für Technologie-Startups noch kaum – begannen die Studienfreunde Artzt und Wang 1976 mit dem Schreiben von Programmen für Grossrechner (Mainframe-Computer). Weil er die Infrastruktur eines Datencenters ausserhalb der Bürozeiten kostenlos benutzen durfte, fand man den jungen Artzt dort jedes Wochenende am Schreiben von Programmen, wovon übrigens eines noch heute im Einsatz sei, wie er im Gespräch nicht ohne Stolz erwähnt.
Während der chinesischstämmige Wang Akquisitionen als den einfacheren und rascheren Weg zur Expansion betrachtete, ist Artzt bis heute der Techniker geblieben, der neue Lösungen und Produkte lieber selber entwickelt. Doch damals hatte Konzernchef Wang das letzte Wort, weshalb sich das Unternehmen auf eine rasante Akquisitionstour begab. Nach wenigen Jahren war CA einer der zwei grössten unabhängigen Software-Gruppen; die andere war Uccel. Diese wurde 1987 von CA geschluckt. Auf diese Weise kam das Unternehmen auch zu seinem Hauptaktionär, dem Gründer und Alleinbesitzer des Autohändlers Amag, Walter Haefner, denn dieser heute 97-jährige Schweizer war damals Hauptaktionär von Uccel. Haefner, der seine Beteiligung von 24,5% über seine Holding Careal hält, sei der «loyalste Aktionär, den man sich vorstellen kann», schwärmt Artzt, und dessen Sohn Martin, der nun die Amag führt, sei aus dem gleichen Holz geschnitzt. Zum Glück hat sich die Beteiligung für die Haefners in den 1990er Jahren ausbezahlt, denn seit rund sechs Jahren kommen die Aktien von CA nicht mehr vom Fleck.
Im Jahr 2000, im Zenit der Internet-Euphorie, brach die Glückssträhne von CA. Nach einem schlechten Quartalsausweis trat Wang vom Tagesgeschäft zurück und setzte als Nachfolger den jungen Sanjay Kumar ein. Zwei Jahre später verabschiedete sich Wang auch aus dem Verwaltungsrat, gerade rechtzeitig, um nicht von den immer ernster werdenden Problemen mit der amerikanischen Justiz erfasst zu werden. Ab 2003 häuften sich die schlechten Nachrichten: Bilanzmanipulationen, Strafuntersuchungen und schliesslich die Verurteilung mehrerer Kadermitglieder und die Inhaftierung von CEO Kumar wegen Wertschriftenbetrug und Justizbehinderung. Derzeit sitzt Kumar seine 12-jährige Haftstrafe ab.
Russ Artzt fühlt sich von Kumar verraten. In den schwärzesten Tagen sei auch er von Zweifel erfasst worden, doch schliesslich habe die Loyalität gegenüber seinem «Kind» überwogen. Deshalb sei er CA treu geblieben. Zwar sei er stolz, an der Gründung von CA beteiligt gewesen zu sein. Doch mit noch mehr Stolz erfülle ihn die Aufgabe, das Unternehmen nach dem Rückschlag wieder aufzubauen – ein Prozess, der Jahre dauere und noch nicht abgeschlossen sei. Mit dem vor rund drei Jahren von IBM zu CA gestossenen CEO John Swainson versteht er sich besser, denn der hemdsärmlige IBM-Veteran ist wie Artzt ein «Techie».
So wirkt der letzte Überlebende der alten CA Garde äusserst agil und ungebrochen zuversichtlich. Die Fitness holt sich Artzt beim regelmässigen Tennisspielen, die Zuversicht im Glauben, dass CA nun eine «gute Gesellschaft» sei. Mit einer solch schweren Hypothek belastet, betrachtet es Artzt als seine Hauptaufgabe, die verlorene Loyalität der Kunden wieder zu gewinnen.
Frühere Beiträge
06.04.2009
Neue Zürcher Zeitung
30.03.2009
Neue Zürcher Zeitung
23.03.2009
Neue Zürcher Zeitung
16.03.2009
Neue Zürcher Zeitung
09.03.2009
Neue Zürcher Zeitung
02.03.2009
Neue Zürcher Zeitung
23.02.2009
Neue Zürcher Zeitung
16.02.2009
Neue Zürcher Zeitung
09.02.2009
Neue Zürcher Zeitung
02.02.2009
Neue Zürcher Zeitung
26.01.2009
Neue Zürcher Zeitung
19.01.2009
Neue Zürcher Zeitung
12.01.2009
Neue Zürcher Zeitung
05.01.2009
Neue Zürcher Zeitung
29.12.2008
Neue Zürcher Zeitung
22.12.2008
Neue Zürcher Zeitung
15.12.2008
Neue Zürcher Zeitung
08.12.2008
Neue Zürcher Zeitung
01.12.2008
Neue Zürcher Zeitung
24.11.2008
Neue Zürcher Zeitung
17.11.2008
Neue Zürcher Zeitung
10.11.2008
Neue Zürcher Zeitung
03.11.2008
Neue Zürcher Zeitung
27.10.2008
Neue Zürcher Zeitung
20.10.2008
Neue Zürcher Zeitung
13.10.2008
Neue Zürcher Zeitung
06.10.2008
Neue Zürcher Zeitung
29.09.2008
Neue Zürcher Zeitung
22.09.2008
Neue Zürcher Zeitung
15.09.2008
Neue Zürcher Zeitung
08.09.2008
Neue Zürcher Zeitung
01.09.2008
Neue Zürcher Zeitung
23.08.2008
Neue Zürcher Zeitung
18.08.2008
Neue Zürcher Zeitung
11.08.2008
Neue Zürcher Zeitung
04.08.2008
Neue Zürcher Zeitung
28.07.2008
Neue Zürcher Zeitung
14.07.2008
Neue Zürcher Zeitung
Der Geldmacher
Karsten Ottenberg leitet die Technologiefirma Giesecke & Devrient
07.07.2008
Neue Zürcher Zeitung
30.06.2008
Neue Zürcher Zeitung
23.06.2008
Neue Zürcher Zeitung
15.06.2008
Neue Zürcher Zeitung
09.06.2008
Neue Zürcher Zeitung
02.06.2008
Neue Zürcher Zeitung
26.05.2008
Neue Zürcher Zeitung
19.05.2008
Neue Zürcher Zeitung
04.05.2008
Neue Zürcher Zeitung
26.04.2008
Neue Zürcher Zeitung
21.04.2008
Neue Zürcher Zeitung
13.04.2008
Neue Zürcher Zeitung