Als promovierter Physiker weiss Karsten Ottenberg genau, wie wichtig technologische Innovation für ein Unternehmen wie Giesecke & Devrient ist.
14.07.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Der Geldmacher
Karsten Ottenberg leitet die Technologiefirma Giesecke & Devrient
cei. München, Anfang Juli
Produkte von Giesecke & Devrient (G&D) trägt fast jeder bei sich, denn die Firma stellt nicht nur einen Teil der Euro-Banknoten her, sondern etwa auch EC-Karten oder SIM-Karten für das Handy. In diesen Gebieten gehört der Technologiekonzern aus München mit seinen 9000 Mitarbeitern jeweils zu den Branchengrössten. Wichtigstes Standbein ist immer noch der Banknoten- Bereich, der die Herstellung des Papiers, den Druck und die Bearbeitung der Noten umfasst. Sein Sohn sei immer entsetzt, wenn er erzähle, dass seine Firma 50-€-Noten an die Deutsche Bundesbank liefere, dabei aber weniger als 50 € erhalte, scherzt Firmenchef Karsten Ottenberg. Doch das Geschäft mit Banknoten ist lukrativ genug, auch wenn ein Schein je nach Ausstattung «nur» 5 bis 10 Cent einbringt.
Zu den 100 Ländern, mit denen G&D im Notendruck zusammenarbeitet, gehören nicht nur Demokratien. Doch über einzelne Kunden gibt das Unternehmen in der Regel keine Auskünfte. Eine Ausnahme machte man kürzlich bei Simbabwe. So teilte G&D mit, dass man die Lieferung von Banknotenpapier in das afrikanische Land einstellen werde, womit man einer Forderung der deutschen Regierung nachkomme. Doch weshalb wartet die Firma, bis die Politik sie zu diesem Schritt veranlasst? Es gebe manchmal schwierige Konstellationen, gibt Ottenberg zu. Zwar habe man zu politischen Vorgängen seine eigene Meinung. Aber bei der Lieferung von Banknoten handle es sich um eine Aufgabe in einem hoheitlichen Umfeld. Die Länder verliessen sich auf bestimmte Regeln der Staatengemeinschaft. Sei ein Land bei der Weltbank akkreditiert, könne es Bestellungen für Banknoten in Auftrag geben. Die Frage sei, ob eine Firma die moralische Bewertung durch die Völkergemeinschaft ersetzen könne. Das masse man sich bei G&D nicht an, erklärt der Firmenchef.
Der 46-jährige Ottenberg ist kein Zauderer. Er hat in seiner dreijährigen Amtszeit schon einiges bewegt. Er wolle Begeisterung für die Entwicklung nach vorne auslösen, sagt er. Zugleich spricht er sich aber auch dafür aus, den Mitarbeitern Zeit für den Wandel zu geben. Die Firma ist über 150 Jahre alt. Sie wurde allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut und gehört jetzt einer Tochter des damaligen Unternehmers. In dieser Branche vollzögen sich Innovationswellen in Dekaden, sagt Ottenberg. Er will die Firma nun auf die nächste Welle vorbereiten. Deshalb hat er auch ein internes Startup gegründet, das jedes Jahr mindestens ein verwertbares Produkt hervorbringen soll. So etwa einen USB-Stick zur persönlichen Identifikation. Damit kann man von irgendwoher auf der Welt auf den Heimcomputer zugreifen, ohne am fremden Computer Spuren zu hinterlassen. Die Forschung liegt dem promovierten Physiker am Herzen. Beim Philips-Konzern hat er sieben Jahre in diesem Bereich gearbeitet und besitzt selbst auch ein Patent. Doch dann verliess er das «stille Kämmerlein» und wechselte – was ungewöhnlich ist – in den Vertrieb.
Zum Innovationsgeist der Firma gehört, dass G&D für Banknoten jedes Jahr ein neues Sicherheitsmerkmal kreiert. 2008 ist dies ein durchsichtiges Fenster, das von beiden Seiten so bedruckt wird, dass der Betrachter darin unterschiedliche Motive wahrnimmt. Dank solchen Neuerungen lassen sich Banknoten und Sicherheitsfolien, die auch in Ausweispapieren eingesetzt werden, profitabel in Deutschland fertigen. So wird derzeit der sächsische Standort Königstein ausgebaut, damit dort künftig Papier für 11 Mrd. Banknoten hergestellt werden kann. Angesichts des hohen Lohnniveaus müsse man das Wissen der Mitarbeiter optimal nutzen, sagt Ottenberg. Um Kosten zu sparen und in die Massenproduktion einzusteigen, hat er die Produktion von SIM-Karten in die Slowakei verlagert, weil dort in der Fertigung Innovation keine grosse Rolle mehr spielt.
Flexibilität wünscht sich Ottenberg nicht nur von der Belegschaft. Auch das Management ist gefordert, das Arbeitsumfeld zu verbessern. Die Teilzeitquote bei G&D bewegt sich derzeit bei etwa 5%. Diese soll schon bald 10% betragen. Die Firma bietet diesen Sommer den Eltern in den Schulferien deshalb erstmals eine Betreuung für ihre Kinder an. Mit solchen Angeboten will Ottenberg G&D attraktiver für Frauen machen, um den Engpass bei Naturwissenschaftern und Ingenieuren zu lindern. Allein am Münchener Hauptsitz will nämlich das rasch wachsende Unternehmen demnächst 200 Leute einstellen.
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