Prof. Scherer hat vier Jahrzehnte Erfahrung mit Strömungen in der Ökonomie.
07.07.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Nüchternheit in der Wettbewerbspolitik
F. Mike Scherers besorgter Blick auf Europas Hochschulen
Gy. Das Spektrum der Themen, die der emeritierte Harvard-Professor F. Mike Scherer auf seiner Internetseite als Interessengebiete angibt, ist ziemlich umfassend; die Liste reicht von A bis W, von «Antitrust» bis «Weapon Systems». Zu beiden dieser zwei Themen hat sich Scherer mit wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten international einen Namen gemacht; zum Waffenbeschaffungs-Prozess vor allem in den 1960er Jahren, das Thema Antitrust und Wettbewerbspolitik dagegen zog sich durch seine ganze Karriere. Auch auf den andern sechs angegebenen Gebieten – etwa der Industriepolitik oder dem Umgang mit geistigem Eigentum – zählt Scherer zu den renommierten Experten unter den Ökonomen.
Im Gespräch erhält man rasch den Eindruck, er sei auch Experte im gelassenen Beurteilen von Strömungen und Denkrichtungen in Ökonomie und Wirtschaftspolitik. Im Laufe von mehr als vier Jahrzehnten hat er in seiner Karriere etliche Ansätze aufkommen und verschwinden sehen. Und vor diesem Hintergrund ist man keineswegs unbefriedigt, wenn der in Theorie und (früher) Behördenpraxis bestens etablierte Anti-Trust-Fachmann Scherer bei Fragen nach der Wirkung der Anti-Trust-Politik mit der Wendung «schwierig zu sagen» antwortet. Seine Antwort wirkt nicht, als habe er nichts zu sagen, sondern hinterlässt eher das Gefühl, dass er aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen davon abrate, in der Ökonomie allzu anmassend Urteile zu fällen und sich zu sehr auf fixe Massnahmen-Wirkungs-Muster zu verlassen.
Er betont etwa, dass bei der Aufspaltung des US-Telekomriesen AT&T Innovationen aufgekommen seien; Netzwerke hätten zentralistische Organisationen ausgestochen, die Digitalisierung habe alles rascher, kleiner und billiger gemacht, neue Firmen aufsteigen lassen, alte Technik und Firmen verdrängt, so auch die riesigen traditionellen AT&T-Forschungs- und -Entwicklungslabors– aber wie weit die Aufspaltung dazu beigetragen habe, sei unklar. In welche Richtung entwickelt sich die Wettbewerbspolitik denn heute? Scherer bleibt auch da offen, betont aber, dass die Anti-Trust-Politik wohl zu den erfolgreichsten Exportartikeln der USA zähle. Die heutige Regierung Bush halte zwar nichts von Anti-Trust-Politik und verschaffe dem Gesetz kaum Nachachtung, aber im Prinzip liege Europa in der Wettbewerbspolitik auf ganz ähnlichem Kurs wie die USA, auch wenn die EU gegenwärtig strikter und interventionsfreudiger erscheine.
In diesem Zusammenhang kommt der Gedanke auf, dass Scherer auch als Experte für eine Art transatlantischen Dialog in Ökonomie und Wirtschaftspolitik auftreten kann. Seine Karriere machte er zwar hauptsächlich an amerikanischen Hochschulen, zuerst (1958 bis 1963) an der Harvard Business School, dann als Assistant Professor in Princeton, darauf in Michigan, später (1976) als Professor an der Northwestern University, anschliessend am Swarthmore College und von 1989 bis 2000 als Aetna Professor an der Harvard Kennedy School of Government. Aber er kennt auch Europa. 1972 bis 1974 weilte er am Wissenschaftszentrum in Berlin, und bei etlichen anderen Forschungsaufenthalten lernte er die europäische Sicht kennen – zum Teil schon früh: Mitte der 1960er Jahre traf er an einer Konferenz in Fontainebleau einen energischen Franzosen namens Giscard d'Estaing, der sich damals vehement für den Aufbau industrieller Champions aussprach.
Und als Scherer kürzlich an der Universität Zürich an einer Veranstaltung der Alumni-Organisationen der Ökonomen und Juristen auftrat, Fragen zum geistigen Eigentum und zur Patentpolitik diskutierte, Parallelimporte von Pharmaprodukten mit dem Publikum besprach, zeigte er ein ernsthaftes Interesse an den europäischen Verhältnissen. Die Offenheit der Schweiz oder die Schaffung des europäischen Binnenmarktes sieht er als geeignete Ansätze an, um die Wettbewerbskräfte, die in den riesigen US-Märkten schon fast von Natur aus da seien, anzuregen.
Besorgt ist er indessen – aus der Perspektive der Europäer – darüber, dass die USA die besseren Hochschulen hätten als Europa. Gewiss, die ETH stehe gut da, wie einige andere europäische Schulen auch. Aber im Durchschnitt seien die europäischen Hochschulen weniger wettbewerbsfähig, Studenten zahlten kaum etwas für ihr Studium, die Universitäten suchten nicht die besten Studenten und die Studenten nicht die besten Hochschulen, wogegen ein selbstverstärkender Selektions-Zyklus die USA voranbringe.
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