Wirtschaft im Gespräch

Der CEO von Givaudan, Gilles Andrier, verfolgt eine ehrgeizige Wachstumsstrategie.

Der CEO von Givaudan, Gilles Andrier, verfolgt eine ehrgeizige Wachstumsstrategie.

30.06.2008,

Neue Zürcher Zeitung

Vom Verfahrensingenieur zum Duftmischer

Gilles Andrier macht Givaudan als Global Player fit

bau. Genf, im Juni
Nein, selber ein Parfum zu kreieren, das traut sich auch Gilles Andrier, der CEO von Givaudan, dem weltweit grössten Duftstoff- und Aromenhersteller, nicht zu. Dafür gebe es die in der firmeneigenen Schule ausgebildeten Parfumeurs, sagt der 46-jährige Verfahrensingenieur mit einer Grundausbildung in angewandter Mathematik. Als Quereinsteiger gelangte der gebürtige Franzose in die für ihre Verschwiegenheit bekannte Branche. Ins Metier der Düfte und Aromen wurde er 1993 katapultiert. Nach acht Jahren Tätigkeit für die Beratungsfirma Accenture heuerte er damals bei Givaudan als Finanzinspektor der Parfum-Sparte an. Kaum hatte er in der zu jener Zeit noch zu Roche gehörenden Firma Fuss gefasst, lernte er auch seine zweite Ehefrau kennen. Beide sind Givaudan treu geblieben. Sie gehört zur Truppe der 190 «Nasen», der Parfumeurs des Unternehmens, und kreiert in Paris Duftstoffe. Er führt in Genf den expandierenden Konzern mit 8700 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als 4 Mrd. Fr.

Dass Andrier zurzeit alle Hände voll zu tun hat, ist selbstverschuldet. Zielstrebig hatte er dieÜbernahme des niederländischen Konkurrenten Quest vorbereitet und vor Jahresfrist mit dem Segen des Verwaltungsrates vollzogen. Von einem Tag auf den anderen ist der Umsatz von Givaudan um die Hälfte gewachsen, ist der Marktanteil weltweit auf 25% hochgeschnellt. Ob sich das Unternehmen, wie vorsichtige Analytiker befürchteten, dabei nicht übernommen habe? Andrier ist alles andere als ein verwegener Luftibus. «Ich bin ein Savoyarde, der es gewohnt ist, die Berge Schritt für Schritt zu erklimmen», quittiert er lächelnd die Frage.

Bereits nach zwölf Monaten sehe man die positiven Effekte der Fusion der beiden Unternehmen deutlich, sagt Andrier. Auch stehe man auf gesunden finanziellen Füssen und werde nach einer Übergangsphase 2010 wieder Profite wie vor der Akquisition erzielen. Technologien, Kunden, Marktsegmente und geografische Konzentration – die Geschäfte von Givaudan und Quest seien von grosser Komplementarität. Man habe die Niederländer nicht nur gekauft, um dank Synergien Spareffekte zu erzielen, sondern um eine bessere Plattform für ein organisches Wachstum zu haben. Die Duftstoff- und Aromenindustrie sei auf Gedeih und Verderb auf Forschung und Entwicklung (F&E) angewiesen. Laut Andrier werden Givaudan und Quest jährlich 420 Mio. Fr. in F&E stecken. Damit unterscheide man sich von der unmittelbaren Konkurrenz, denn Firmenich und IFF gäben dafür nur je 230 Mio. Fr. aus. Sein Berufsleben hat Andrier nie als Karriere gedacht. Immer habe er sich für seine jeweilige Tätigkeit begeistern lassen. Einen Karriereplan zu haben, sei der sicherste Weg zum Fehlschlag. Was er von seinen direkten Mitarbeitern erwarte, seien in erster Linie Führungsqualitäten und Loyalität zum Unternehmen. Selber ist er es gewohnt, sich ehrgeizige Ziele zu setzen. In seiner Jugend verschrieb er sich der Leichtathletik und brachte es bis in die vorderen Ränge der französischen Universitätsmeisterschaften. Heute widmet er sich zum Zeitvertreib weniger schweisstreibenden Sportarten: im Winter dem Skifahren, im Sommer dem Tauchen und der Unterwasserjagd. Mit Frau und sechs Kindern (zwei aus erster, vier aus weiterer Ehe kreuzt er auf seinem Motorboot im Mittelmeer.

Ein Teil der Identität von Givaudan sei unzweifelhaft die Schweizer Herkunft. Entsprechend könne man in ihre Produkte Vertrauen haben. Der andere Teil aber sei die globale Ausrichtung. Um in der Industrie der Düfte und Aromen Erfolg zu haben, gelte es, überall präsent zu sein. Givaudan als Zulieferer der weltweit tätigen Nahrungsmittel- und Kosmetikkonzerne müsse ganz nahe bei deren regionalen Niederlassungen und den Endverbrauchern sein. Mit dem globalen Netzwerk habe Givaudan die dezentralisierte Organisationsstruktur ihrer Grosskunden imitiert; 500 lokale Mitarbeiter haben die Genfer in China, 200 in Indien. Ein Parfum oder ein Aromazentral für die ganze Welt herstellen zu wollen, wäre falsch, sagt Andrier. Vielmehr müsse man die lokale Kultur genau kennen und vor Ort mit den verarbeitenden Industrien zusammenarbeiten. Nach wie vor bleibt die Schweiz mit Genf und Dübendorf ein wichtiger Produktions- und Forschungsstandort. Allein in Genf habe Givaudan in den letzten zehn Jahren das Produktionsvolumen verdoppelt, betont der CEO.

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