15.06.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Wohnbau, Skilifte und Schifffahrt
Die drei Unternehmer-Leben des Walter Klaus
G. S. Unternehmertum ist Leidenschaft. Selten wird einem das so deutlich bewusst, so unmittelbar präsent wie im Gespräch mit Walter Klaus. Der 74-jährige Vollblutunternehmer leidet an Parkinson. Vor 28 Jahren wurde die Krankheit bei ihm diagnostiziert. Er spricht leise, das Sprechen fällt ihm schwer, es wirkt gelegentlich abgehackt. Aber wenn Klaus von seinen neusten Projekten erzählt, funkelt in seinen Augen jene Freude und Begeisterung, die ihn am Leben hält. Er sagt es selbst: Ohne sein fast rastloses unternehmerisches Engagement, das ihn immer wieder an Grenzen führt, wäre er vielleicht nicht mehr da. Wer ist dieser Walter Klaus, der, seit er 49% an der Schweizerischen Bodenseeschifffahrt hält, auch hierzulande gelegentlich in den Medien auftaucht?
Klaus stammt aus Augsburg, wo er nach Volks- und Oberrealschule zunächst eine Maurerlehre durchläuft und dann an der dortigen Fachhochschule Architektur und Hochbau studiert. 1968 übernimmt er das elterliche Bauunternehmen und baut es durch den Kauf mittelständischer Unternehmen zu einer Baugruppe mit heute rund 1100 Mitarbeitern und ungefähr 130 Mio. € Umsatz aus. Sie macht sich vor allem im schlüsselfertigen Bauen in Bayern einen Namen.
Daneben tritt er 1969 – wie er sagt, fast durch Zufall und überredet vom damaligen Bürgermeister – in Gaschurn im hinteren Montafon in die dortige Seilbahngesellschaft ein. Aus ihr formt er die Silvretta-Nova-Gruppe, die in der Spitze die vermutlich grösste von einem einzelnen Unternehmer kontrollierte Seilbahngesellschaft im Alpenraum ist und die Klaus im österreichischen Bundesland Vorarlberg zu einem – zum Teil beneideten und kritisch beäugten – Tourismus- König werden lässt. Neben dem Stammbetrieb in Gaschurn und St. Gallenkirch umfasst das Unternehmen in Vorarlberg noch Anlagen in Schruns (Hochjoch), in Bludenz (Muttersberg), im Bregenzerwald (Diedamskopf) sowie in Südtirol in Sulden und Trafoi am Ortler. Weil der Genussmensch Klaus früh erkennt, dass im Wintertourismus die Restaurants eine wichtige Ertragsstütze sind, gehören zu diesem kleinen «Imperium» auch über zwanzig Gastronomiebetriebe mit allein in Vorarlberg über 12000 Sitzplätzen.
Doch heute treiben Klaus weder die Bauwirtschaft noch Skilifte um. Zwar besitzt er weiterhin über 600 Wohnungen in Hamburg und Augsburg (sowie ein Weingut in der Südsteiermark), aber das Bauunternehmen hat er vor vierzehn Jahren seinem einzigen Sohn übergeben und die Vorarlberger Liftgesellschaften 2007 in einem bis heute schwer verständlichen Schritt verkauft. Auf diesen Entscheid angesprochen, den er so einsam getroffen haben dürfte wie alle wichtigen Entscheide in seinem Leben, meint er, er könne ihn selbst nicht genau erklären. Ein Tief im Krankheitsverlauf, die Erkenntnis, dass ihm, dem Unternehmer alter Schule, der jedes Detail kontrollieren will, alles zu viel werden könnte, und die – schliesslich enttäuschte – Hoffnung, das Unternehmen werde von alten Weggefährten weitergeführt, scheinen zusammengespielt zu haben. Heute spürt man, wenn er davon erzählt, eine Mischung aus Reue und wohl auch Bitterkeit.
Gleichzeitig ist Klaus längst mit Herzblut in seinem neuen Projekt engagiert, gewissermassen seinem dritten unternehmerischen Leben. 2006, noch vor dem Verkauf der Lifte, hatte er nämlich unter der Marke «Vorarlberg Lines» den Betrieb der österreichischen Bodenseeschifffahrt übernommen und war – zusammen mit dem Energieversorger Vorarlberger Illwerke – Eigentümer der Flotte von derzeit acht Schiffen geworden. Kurz darauf wurde er dann grösster Einzelaktionär der von den SBB gekauften SBS-Schifffahrt AG. Dass sich hier Synergien entwickeln lassen, zumal die österreichische und die schweizerische Flotte zusammen nur rund zwei Drittel der deutschen Konkurrenz ausmachen, liegt auf der Hand. Bei weitem liebstes Kind von Klaus ist jedoch das MS «Sonnenkönigin», ein von ihm entworfenes, in seiner Art wohl einzigartiges Event-Schiff. Es soll am 18. September getauft werden und danach als Tagungszentrum, Konzerthalle, Festsaal, Laufsteg oder Theater für bis zu tausend Personen dienen. Wenn Klaus von der rund 13 Mio. € teuren «Sonnenkönigin» spricht, gerät er ins Schwärmen – und doch meint man zu erahnen, dass der passionierte Antiquitäten- und Gemäldesammler und begeisterte Jäger rasch zu neuen Ufern vorstossen und neue Ideen verwirklichen wird, sobald sein jüngstes Baby halbwegs läuft. Die Leidenschaft, zu gestalten und zu bestimmen, lässt ihn nicht los.