Marc Zahn dürfte als CEO der deutschschweizerischen Derivate-Börse Scoach noch längst nicht die letzte Sprosse auf seiner Karriereleiter erklommen haben.
09.06.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Die Marktführerschaft in Europa als Ziel
Marc Zahn gestaltet die Expansion der Derivatebörse Scoach
ra. Wer kennt aus seiner Jugend nicht noch Graf Zahl von der Sesamstrasse, der so viel Spass am Zählen hat? Ähnlich viel Spass hat wohl Beinahe-Namensvetter Marc Zahn, wenn er die Rekordergebnisse in den Monats- und Jahresberichten der Derivatebörse Scoach zählt. Darin findet der CEO dieser Börse für strukturierte Produkte und Optionsscheine, die gemeinsam von der Schweizer Börse SWX und der Deutschen Börse betrieben wird, Bestwert um Bestwert – etwa beim Umsatz und bei den zugelassenen Produkten. Derzeit sind in der Schweiz rund 25 000 Produkte kotiert. Anfang 2007 waren es noch gut 12 000, Ende dieses Jahres rechnet Zahn mit etwa 30 000.
Der Markt für derivative Anlagen boomt weiter, der Finanzkrise zum Trotz. Für die kommenden fünf Jahre rechnet der gebürtige Schweizer mit Migrationshintergrund (österreichische Mutter, deutscher Vater) mit einer Wachstumsrate von 15% bis 20%. Das ist immer noch vergleichsweise viel, wenngleich die Expansion bei weitem nicht mehr so stürmisch verläuft wie in den letzten Jahren. Vorbild für Zahn bei der Expansion von Scoach in den Heimatmärkten und darüber hinaus ist die ebenfalls schweizerisch-deutsche, sehr erfolgreiche Terminbörse Eurex, die inzwischen schon in den USA Fuss gefasst hat. Für Scoach ist es zurzeit aber noch ein weiter Weg nach Übersee. Zuerst gilt es, in Europa dominant zu werden. Strukturierte Produkte sind vor allem in Deutschland, der Schweiz und Italien sehr beliebt. Deshalb steht das südliche Nachbarland auch ganz oben auf der «Eroberungs»-Liste. Doch auch in Ländern wie Frankreich, Griechenland und der Türkei gewinnen solche Anlageformen immer grössere Beliebtheit.
Die Anbindung dieser Märkte an Scoach wird immer besser. Seit Ende April läuft der deutsche Teil von Scoach auf Xetra, dem Handelssystem der Deutschen Börse. Damit wurde auf einen Schlag ein Netz von 125 neuen, nichtdeutschen Handelsteilnehmern in 19 Ländern erschlossen. Allerdings handelt es sich bei der Anbindung an Xetra um einen technischen Pflichtanschluss. Zahn rechnet damit, dass nur etwa ein Drittel der Neulinge wirklich aktiv sein wird. Der Schweizer Teil von Scoach soll schliesslich bis Ende 2009 auf Xetra migrieren. Ab dem vierten Quartal sind die Produkte in Deutschland nicht nur in Euro handelbar, sondern in sieben weiteren Währungen. Dies sieht Zahn als wichtigen Wettbewerbsvorteil gegenüber derKonkurrenz aus Stuttgart. Die dort ansässige Derivatebörse Euwax ist noch immer der Platzhirsch und in Deutschland Marktführer. Das soll aber nicht ewig so bleiben. Bis zum Jahr 2012 will Zahn die Marktführerschaft im gesamten europäischen Raum erreichen, mithin auch in Deutschland. Der Kampf gegen die ebenfalls sehr erfolgreiche Euwax dürfte aber nicht leicht sein. Einen etablierten Marktführer anzugreifen, kostet nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld.
Für den 45-jährigen Zahn, der seit Anfang 2004 bei der SWX Swiss Exchange arbeitet und seit Januar 2007 als CEO von Scoach fungiert, ist es nicht neu, herausfordernde Aufgaben zu übernehmen. Dies musste er bereits als Geschäftsleitungsmitglied einer Telekommunikationsfirma, als CEO des damaligen Discount-Brokers Consors Schweiz und vor allem als Chef Retail Sales and Marketing der amerikanischen Einheit von Mettler Toledo, einem Anbieter von Präzisionsinstrumenten. Damals, erinnert sich der seit 18 Jahren verheiratete Hobby-Golfer mit Handicap 24, habe er in einem leeren Büro, in dem es nicht einmal ein Telefon gegeben habe, angefangen, das Kleinkundengeschäft aufzubauen. Dies sei der lehrreichste Abschnitt seiner Karriere gewesen.
Bei genauerer Betrachtung der Wettbewerbssituation von Scoach fällt aber auf, dass die Euwax gar nicht der wichtigste Konkurrent ist. Rund 70% des Handels mit strukturierten Produkten und Optionsscheinen finden ausserbörslich statt. Die Banken handeln untereinander, mit institutionellen Kunden oder legen die Produkte bei Vermögensverwaltungsmandaten einfach ins Depot der Kunden. Somit sind die Emissionsbanken der Produkte einerseits Kunden, anderseits Konkurrenten. Etwa 75 Mrd. Fr. Umsatz generierte Scoach laut Zahn im Jahr 2007 in der Schweiz, es würden hier aber gemäss Statistik der Schweizerischen Nationalbank 312 Mrd. Fr. in derivativen Produkten verwaltet. Dies zeige, dass hohe Beträge an der Börse vorbeiflössen. Insofern ist Zahn neben der Umsetzung seiner Expansionspläne in Europa auch noch mit einer grossen Herausforderung auf dem Heimmarkt konfrontiert.
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