Wirtschaft im Gespräch

Åke Svensson: Während der Woche verkauft er Kampfflugzeuge, am Wochenende werkelt er im Landhäuschen.

Åke Svensson: Während der Woche verkauft er Kampfflugzeuge, am Wochenende werkelt er im Landhäuschen.

08.09.2008,

Neue Zürcher Zeitung

Ein Vollblut-Ingenieur im Cockpit von Saab

Ake Svenssons spannende Reise vom Praktikanten zum Konzernchef

I. M. Stockholm, 6. September «Dass ich einmal Konzernchef von Saab werden sollte, hätte ich nicht in den wildesten Phantasien geglaubt», lacht Åke Svensson. Das Jahr war 1976, als der frischgebackene Ingenieur mit Fachrichtung technische Physik von der Universität Linköping zu Saab Dynamics wechselte. Die Wahl war gegeben, hatte Svensson doch bei einem Praktikum Saab-Luft geschnuppert und die Diplomarbeit beim Verteidigungskonzern absolviert. Was dann folgte, war laut dem 56-Jährigen eine «unheimlich spannende Reise», die 2003 in der Ernennung zum Konzernchef kulminierte.

Eine Reise, in deren Laufe sich das Unternehmen von Grund auf verändert hat. 1937 gegründet, um ein schwedisches Kampfflugzeug zu entwickeln, hatte der Konzern nach dem Zweiten Weltkrieg grosse Bestellungen von der Luftwaffe erhalten. Gleichzeitig kam die Autoproduktion in Gang. 1969 wurde Saab mit dem Fahrzeughersteller Scania fusioniert, und 2000 stieg das Unternehmen in den Markt für zivile Flugzeuge ein. 1990 wurde der Fahrzeugteil wieder abgespalten, die Autosparte an General Motors verkauft und 1998 die neue alte Saab an die Börse gebracht. Die grössten Veränderungen erfolgten jedoch in den letzten zehn Jahren, als sich der Hauptkunde immer rarer machte. Im Zuge der Umstellung von einer Verteidigungsarmee zu einer modernen Einsatzorganisation schrumpften die staatlichen Aufträge massiv, und Saab musste sich auf dem Weltmarkt umsehen. Gemäss Svensson, der vor einem Jahrzehnt der Abteilung «künftige Produkte und Technik» vorstand, war man sich damals bewusst, dass enorme Veränderungen anstünden, deren Inhalt und Bedeutung konnte jedoch niemand ahnen. Im Rückblick betrachtet er den Wandel als gelungen: Heute erzielt Saab zwei Drittel des Umsatzes von umgerechnet 3,9 Mrd. Fr. (2007) auf dem Weltmarkt; der Anteil der zivilen Aufträge ist auf ein Fünftel gewachsen.

Die grössten Exporthoffnungen stecken im Gripen: Saab rechnet damit, während der kommenden zehn Jahre 200 Kampfflugzeuge verkaufen zu können. Ein knappes Dutzend Länder hat Offerten eingeholt oder bekundet Interesse am Stolz der schwedischen Luftwaffe; die Schweizer Luftwaffe hat den «Greif» soeben auf Herz und Nieren geprüft als möglichen Nachfolger der Tiger-Flotte. Wie so oft im Gespräch gerät der Konzernchef ins Schwärmen ob dem «phantastischen kleinen System», das entwicklungsfähig, klein, wendig, programmgesteuert und vor allem viel billiger sei als die Flugzeuge der Konkurrenz. All die Jahre als Abteilungs-, Divisions- und nun Konzernchef haben den Ingenieur in Svensson nicht verdrängt. Im Gegenteil, seine Augen leuchten, wenn er von den komplexen Technologieentwicklungen von Saab spricht – diese scheinen ihm näher am Herzen zu liegen als nackte Finanzkennzahlen und Management-Englisch.

Doch der Chef-Job ist kein Tanz auf den Wolken. Dieser Tage musste Svensson die Wachstumsprognosen für 2008 reduzieren, was die Börse mit einem Kursabschlag von 20% quittierte. Ursache der «Gewinnwarnung» sind verzögerte Bestelleingänge von Boeing und Airbus, hohe Marketingkosten für den Gripen und die Budgetkürzungen der schwedischen Armee. Die Konzernspitze wird über die Bücher gehen und das laufende Sparprogramm eventuell verstärken müssen. Gleichzeitig will Svensson die Integrationsarbeit fortsetzen und dafür sorgen, dass sich die über 13 000 Beschäftigten in 16 Geschäftsbereichen als Teil einer Saab betrachteten. Basis dafür sei, dass man miteinander rede und Probleme auf den Tisch lege, meint der sich als offen und leicht zugänglich bezeichnende Konzernchef.

Für Schlagzeilen sorgte der bescheiden auftretende Schwede vor zwei Jahren, als er und Kommunikationsdirektorin Helena Stalnert bekanntgaben, dass sie ein Paar seien. Die frühere Tagesschau-Chefin räumte ihren Sessel in der Konzernleitung, was im auf Gleichstellung bedachten Schweden eine Diskussion darüber auslöste, warum immer die Frau in der Karriere zurückstecken müsse. Vor einem Jahr besiegelten die beiden ihre Liebe auf dem Standesamt. Seither ist es um Svenssons Privatleben wieder ruhig geworden. Dieses scheint nicht spektakulär, sondern typisch schwedisch: Der Saab-Chef spielt gern Golf und entspannt sich so oft wie möglich im Häuschen auf dem Land, wo er ungestört Rasen mähen, hämmern und Holz hacken kann.

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