Als Politiker ist Herbert Grubel mit seinen innovativen und provokativen Denkansätzen nicht selten ins Fettnäpfchen getreten.
19.05.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Ein Ökonom im Haifischbecken der Politik
Wirtschaftsprofessor Herbert Grubels Sinn für Unkonventionelles
ai. Basel, Mitte Mai
Was motiviert einen gestandenen Wirtschaftsprofessor, sich im Alter von 59 Jahren erstmals im Leben ins politische Getümmel zu stürzen und einen Sitz im Parlament anzustreben? Im Fall von Herbert Grubel, einem emeritierten Dozenten der Simon Frazer University in Vancouver und Mitglied des kanadischen Think-Tanks Frazer Institute, war es vor 15 Jahren nebst dem Streben nach Ruhm und Ehre wohl auch die Lust am Neuen – ein Motiv, das ihn auch in seiner akademischen Karriere immer wieder dazu bewogen hatte, in unerforschte Wissens-Sphären vorzustossen. Er liess sich 1993 als Kandidat für die damalige liberale Reformpartei aufstellen und wurde zur allgemeinen Verblüffung gewählt. Wegen seines Fachwissens lag es nahe, ihn zum finanzpolitischen Sprecher der Fraktion zu ernennen, was ihm erlaubte, als «Schattenminister» in der ersten Reihe des Oppositionslagers Platz zu nehmen, «nur zwei Schwertlängen vom Finanzminister entfernt», wie er betont. Grubel weilte unlängst auf Einladung des Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrums zu Besuch in Basel, um unter anderem über «Frustration and Success of an Economics Professor in Parliament» zu sprechen.
Es gelang ihm zwar nach eigenem Bekunden im Parlament sehr wohl, in wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten Akzente zu setzen; die Frustration dürfte aber überwogen haben. Grubel sah seine Freiheit, die ihm zuvor erlaubt hatte, liberale Ansichten etwa in Zeitungsartikeln (mit Titeln wie «The trouble with no-cost medicine» oder «Protect us from big brotherhood») pointiert darzulegen, plötzlich beschnitten. Schranken auferlegten ihm einerseits die Parteidisziplin, anderseits der «Speaker» des Hauses, der streng darauf achtete, dass im Parlament keine «unparlamentarische» Sprache verwendet wurde.
Das hinderte Grubel nicht daran, ins eine oder andere Fettnäpfchen zu treten. So etwa, als er sich in einer Debatte gegen eine Erhöhung der Transferzahlungen an die kanadischen Ureinwohner aussprach, nicht zuletzt mit der Begründung, dass viele unter ihnen orientierungslose Existenzen führten, da der Staat für alles aufkomme. Das sei, so sagte Grubel in seiner unverblümten Art, wie wenn jemand dank einem reichen Onkel eine sorgenfreie Existenz auf einer Südsee-Insel führe: Der Lebensinhalt fehle. Das mediale Donnerwetter liess nicht lange auf sich warten. Schliesslich nötigte ihn der Parteichef, sich vor laufenden Kameras für seine Bemerkung zu entschuldigen. Grubel sah ein, dass ihm in solchen Situationen die professorale Kompetenz wenig nützte, da die Medien nach kurzen Sprechblasen verlangten und für das akademische Einerseits/Anderseits wenig Verständnis hatten. Angesichts solcher Erfahrungen ist auch zu verstehen, dass Grubel nach einer vierjährigen Legislaturperiode auf eine weitere Wahl verzichtete und sich wieder den ihm vertrauteren universitären Tätigkeiten zuwandte.
Grubel stammt ursprünglich aus Frankfurt, hatte dort sein Abitur gemacht und kam 1958 als Austauschstudent in die USA, wo er in Yale doktorierte und in der Folge in Stanford und schliesslich – Mitte der sechziger Jahre – an der Universität von Chicago zu lehren begann. Er befand sich im Auge des Sturms, als die «monetaristische Revolution» in vollem Gange war, und liess sich durch die Aufbruchstimmung der damaligen Forschung zu eigenen, innovativen Arbeiten inspirieren. Ein Durchbruch gelang ihm auf dem Gebiet der Handelstheorie mit der Untersuchung zum «intra-industry trade» und zur Entwicklung des «Grubel-Lloyd-Indexes», der das Ausmass des intrasektoralen Handels zwischen zwei Ländern an der gesamten Ein- und Ausfuhr eines Produktes misst. Die Lust am Neuen und zuweilen Ketzerischen zeigte sich auch bei seiner Beschäftigung mit der Immigrationspolitik und der Frage, inwieweit ein Konflikt besteht zwischen Masseneinwanderung und Wohlfahrt, oder beim Thema Terrorismus und bei der These, dass der Kampf gegen dieses Übel die wirtschaftliche Freiheit in ungebührlicher Weise beschneide. Grubel weiss indessen auch, dass er sich mit seinen provokativen Denkansätzen nicht nur Freunde geschaffen hat. Die Präsidentschaft der Canadian Economists Association, die einem Ökonomen seines Ranges eigentlich zustehen würde, ist ihm, wie er mit leisem Bedauern bemerkt, nie angeboten worden.
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