Mariana Gheorghe hatte viele Jahre bei der EBRD in London gearbeitet und dort wertvolle Erfahrungen für ihre heutige Tätigkeit sammeln können.
04.05.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Die Chefin von Petrom führt das landesweit grösste Unternehmen
Mariana Gheorghe bewegt Rumänien
tf. Bukarest, Ende April
Aus Mariana Gheorghes Büro schweift der Blick über eine jener zahlreichen Strassen Bukarests, auf denen es fast rund um die Uhr kein Vorankommen mehr gibt. Ein Ausblick mit zweideutigem Reiz für die Chefin des Erdöl- und Gaskonzerns Petrom: Einerseits verdeutlicht der Stau, wie in Rumänien der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur seit Jahren nicht mehr mitzukommen vermag mit dem rasant steigenden Verkehrsaufkommen. Anderseits spiegelt das Gedränge aber auch die fast unbegrenzt scheinende Nachfrage Rumäniens nach Mobilität und dem Brennstoff hierzu. Den Leuten zu helfen, «sich zu bewegen», und zwar im buchstäblichen Sinn des Wortes, bezeichnet Gheorghe denn auch als die besondere Faszination ihrer Branche.
Bewegung weit über Grenzen hinweg prägt das bisherige Berufsleben der studierten Ökonomin und Juristin. Für knapp 14 Jahre verlegte sie ab 1993 ihren Lebensmittelpunkt von Bukarest nach London, um für die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) die Transformation Osteuropas finanziell zu flankieren. Sie war dabei für über 35 Projekte mit einem Volumen von 1,5 Mrd. € verantwortlich. Die Sensibilisierung für Fragen der Corporate Governance und der Umwelt, aber auch die Fähigkeit, mit unterschiedlichsten Akteuren aus dem staatlichen und privaten Sektor Lösungen zu erarbeiten, betrachtet Gheorghe im Rückblick als die wertvollste Erfahrung jener Jahre – eine Erfahrung, die ihr nun auch in der Energiebranche, wo es nicht selten um die Balance von öffentlichem und kommerziellem Interesse gehe, zugutekomme.
Die Bewegungsfreiheit der Chefin des landesweit grössten Unternehmens, das 2007 mit 35 000 Angestellten einen Umsatz von 5,5 Mrd. Fr. und einen Betriebsgewinn (Ebitda) von 1,4 Mrd. Fr. erwirtschaftete, ist aber beschränkt. Die obersten Chefs sitzen nämlich in Wien, nachdem 2004 eine Mehrheit des Unternehmens für 1,5 Mrd. € an die österreichische OMV verkauft worden war. Die Privatisierung sorgt in Rumänien noch heute für hitzige Debatten. Vielerorts wird kritisiert, dass Petrom allzu billig verscherbelt worden sei. Gheorghe, die 2004 als Vertreterin der mit 2% an Petrom beteiligten EBRD in den Verwaltungsrat trat und zwei Jahre später die operative Führung übernahm, kennt den Argwohn; verstehen mag sie ihn aber nicht. Die Situationen von heute mit den Bedingungen von gestern zu beurteilen, zeuge von fehlendem ökonomischem Verständnis. Wer vor drei Jahren für 10 000 € in Bukarest eine Wohnung, die heute 80 000 € koste, verkauft habe, stelle dem Käufer schliesslich auch keine Nachforderung.
Doch die Energiebranche ist ein Sektor, in dem die Emotionen hochgehen. Das zeigt sich derzeit auch beim Gerangel um neue Gaspipelines aus Osteuropa und Zentralasien nach Westeuropa. Die Petrom-Chefin gibt sich indessen abgeklärt. Selbstverständlich unterstütze sie das von der OMV propagierte und von der Europäischen Union favorisierte Nabucco-Projekt. Die Nabucco-Linie könne sie sich aber auch in einem komplementären Verhältnis vorstellen mit der rivalisierenden russisch-italienischen Pipeline «South Stream», die derzeit mit weit mehr Elan vorangetrieben wird. «Es gibt genug Platz für beide Linien», sagt Gheorghe im Gespräch. Rumänien komme dabei als Transitkorridor bei beiden Routen eine wichtige Rolle zu, wobei man sich auf ein bereits bestehendes Netz an Pipelines abstützen könne.
Die internationale Karriere von Gheorghe scheint wenig daran geändert zu haben, dass sich die verheiratete und 1956 geborene Mutter eines 24 Jahre alten Sohns, der als Jurist in London arbeitet, stark in Rumänien verankert fühlt. «Ich hatte nie das Gefühl, das Land verlassen zu haben, auch deshalb nicht, weil ich bei der EBRD stets einen engen Bezug zu Rumänien hatte.» Die Verbundenheit dürfte aber auch mit den prägenden Erfahrungen im Revolutionsjahr 1989 zu tun haben: Über Freiheit werde heute oft sehr abstrakt diskutiert – wohl einfach, weil man sie gewohnt sei, sie als selbstverständlich betrachte. Damals jedoch, 1989, sei die Freiheit sinnlich erfahrbar, ja fühlbar gewesen. «Dieses Gefühl der Freiheit und des Glücks, dass die Befreiung während meiner Lebenszeit geschah, haben mich durch die Jahre getragen.» Gheorghe hält inne – und für einen Moment scheint selbst der Verkehrslärm vor ihrem Büro von weit weg zu kommen.
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