Xenia Judajewa möchte dazu beitragen, dass der Einfluss der Politik auf die Sberbank begrenzt werden kann.
21.04.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Schnell im Beruf und auf der Strasse
Xenia Judajewa ist die neue Chefökonomin der Sberbank
gho. Moskau, Ende März
Die wirtschaftliche Dynamik Russlands zeigt sich nicht nur in spröden makroökonomischen Zahlen, sondern auch im raschen Jobwechsel vieler Russen. Xenia Judajewa ist vielleicht kein allzu typisches Beispiel für das Karussell im Finanzsektor, aber in den vergangenen Jahren wandelte sie sich von einer Hochschullehrerin für Ökonomie zu dem, was sie heute ist: Chefökonomin der Sberbank, des grössten Finanzinstituts in Russland. Die Sberbank verwaltet mehr als 50% aller russischen Spareinlagen und gilt trotz verschiedenen erfolgten Verbesserungen mit 20 000 Filialen im ganzen Land und rund 250 000 Mitarbeitern immer noch als unbeweglicher und wenig effizienter Koloss. 60,3% der Stimmrechte an der Sberbank hält die russische Zentralbank. Die Bank benötige eine Revolution, um vom 19. ins 21. Jahrhundert zu kommen, sagt die 38 Jahre alte Ökonomin.
Judajewa hat die Stelle der Chefökonomin Anfang März angetreten. Die Arbeit machte ihr der ehemalige russische Wirtschaftsminister German Gref schmackhaft, der nach seinem Austritt aus der Regierung im vergangenen Jahr an die Spitze des Finanzinstituts gelangt war. Sein Ziel ist es, aus der Sberbank ein international anerkanntes Geldhaus zu machen. Die Strategie dazu soll in den kommenden Monaten präsentiert werden. Zu Beginn des Amtsantritts von Gref gab es jedoch einige Unstimmigkeiten. Der frühere Sberbank- CEO Andrei Kasmin wechselte dem Vernehmen nach nur ungern auf seinen neuen Posten als Postchef. Mit ihm verliessen mehrere Spitzenmanager die Bank, was Gref wiederum die Möglichkeit gab, neue Kräfte anzuheuern. Er entschied sich vor allem für junge Leute, die bereits internationale Erfahrung gesammelt und eine exzellente, westliche Ausbildung genossen haben.
Judajewa ist dabei keine Ausnahme. Mit Stolz erzählt sie, dass sie die erste, direkt aus Russland kommende Russin an der amerikanischen Spitzenuniversität MIT war. Sie studierte Ökonomie in den USA von 1994 bis 1998 und schloss mit einem Ph. D. ab. Hauptsächlich hatte sie sich dort mit makroökonomischen Fragen auseinandergesetzt. Zuvor hatte sie in Moskau von 1992 bis 1994 an der New Economic School (NES) studiert, die die erste nach westlichem Vorbild funktionierende Hochschule für Wirtschaft in Russlandwar. Seit 1999 unterrichtet sie selbst an der NES. Nach Stationen in verschiedenen internationalen und nationalen Institutionen wurde sie im Jahr 2006 die wissenschaftliche Leiterin des Institutes für strategische Studien, eines Think-Tanks, der sich mit ökonomischen und sozialen Fragen beschäftigt und auf die Initiative von Gref zurückgeht. Das Institut war und ist Sprungbrett für junge Ökonomen in verantwortungsvolle Positionen in der russischen Verwaltung. Die jetzige russische Wirtschaftsministerin Elwira Nabiullina war jahrelang Leiterin des Instituts.
Auch in ihren wissenschaftlichen Arbeiten bemühte sich Judajewa immer um einen Praxisbezug. Das Ziel, einen Beitrag für eine reputierte Fachzeitschrift zu schreiben, sei ihr zu eng. Vielmehr wolle sie etwas mit einem direkten Nutzen machen. Ihr Engagement zeigt sich auch in ökonomischen Diskussionen, wenn sie zuweilen auf leidenschaftliche Art ihre Position vertritt. Judajewa war jedoch nie selbst in einer ausführenden Funktion, vielmehr versteht sie sich als Lieferantin von Entscheidungsgrundlagen.
Für Judajewa ist der Begriff Technokrat kein Schimpfwort. Vielmehr sieht sie das Auftauchen vieler junger, gut ausgebildeter Personen in Privatunternehmen und Staatspositionen, die nach pragmatischen Lösungen suchen, als wichtigen Beitrag zur Professionalisierung. Nachdem in der Sowjetunion Ideologie und persönliche Verflechtungen vorgeherrscht hätten, sei jetzt ein technokratischer Zugang zu den Aufgaben notwendig. Sie ist der Überzeugung, dass sich die Sberbank als eine kommerziell agierende Bank positionieren wird, bei der trotz dem Staatsbesitz der Einfluss der Politik begrenzt sein werde. Der als liberal geltende Gref habe sich schon während seiner Zeit als Wirtschaftsminister als sehr unabhängig erwiesen. In ihrem Arbeitsleben hat Judajewa die beruflichen Stationen rasch durchschritten und hat, allein schon an der Zahl der Publikationen gemessen, eine grosse Produktivität an den Tag gelegt. So erstaunt es auch in zweierlei Hinsicht nicht, dass sie nach einigem Überlegen als Hobby, oder vielmehr als Schwäche, schnelles Autofahren angibt.
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