Hari Panday ist für die schnellste Bankverbindung zwischen Kanada und Asien besorgt.
13.04.2008,
Neue Zürcher Zeitung
Eine Brücke zwischen Kanada und Asien
Hari Panday – ein in der Nische erfolgreicher Banker
Fdr. Vancouver, Anfang April
Man sieht es ihm erst auf den zweiten oder dritten Blick an, aber Hari Panday ist tatsächlich Bankier, auch wenn er nicht in der allerersten Liga der kanadischen Bankenwelt mitspielt. Er leitet die kleine, gerade erst in neue Räumlichkeiten eingezogene ICICI Bank Canada. Im Gegensatz zu den kanadischen Grossbanken, die mit ihren Wolkenkratzern das Finanzzentrum um die Bay Street in «downtown» Toronto bevölkern, liegt Hari Pandays bescheidenes Hauptquartier eher an der Peripherie. Das spielt allerdings kaum eine Rolle, denn die ICICI Bank Canada ist in mehrerer Hinsicht ein Institut besonderer Art. Im offiziellen Sprachgebrauch handelt es sich um eine sogenannte «Schedule II»-Bank; dies bedeutet, dass sie zu 100% von einer ausländischen Bank kontrolliert wird. Im Falle der ICICI ist die Muttergesellschaft ein indisches Institut, das auch unter der Bezeichnung Industrial Credit and Investment Corporation of India Ltd. bekannt ist und als eine der grössten privatwirtschaftlich organisierten Banken des Subkontinents gilt.
Dass die indische Muttergesellschaft eine ihrer ersten Auslandniederlassungen ausgerechnet in Kanada aufgebaut hat, ist nicht zufällig. In Kanada lebt eine relativ stark etablierte indische Minderheit, hauptsächlich in grösseren Städten wie Toronto und Vancouver. Benutzt man einen der ICICI-Bankautomaten, stellt man allerdings rasch fest, dass das Zielpublikum der Bank nicht nur Indo-Kanadier sind – das Sprachen-Menu der Automaten umfasst nebst Englisch, Französisch, Hindi und Punjabi auch Chinesisch und Tamilisch. Die Bank versucht, Kanadier mit gesellschaftlichen und familiären Wurzeln in Asien anzusprechen, und der Erfolg scheint Hari Panday recht zu geben. Selbstverständlich verrät er, verschmitzt lächelnd, nichts über die neuesten Gewinnzahlen; aber die erst 2003 gegründete Bank hat bereits nach drei Jahren erstmals einen Gewinn ausgewiesen. Das ist insofern bemerkenswert, als man in Kanada nicht vor Ablauf des fünften Geschäftsjahres mit dem Überschreiten der Gewinnschwelle rechnet.
Dass er dereinst eine Bank leiten würde, wurde Hari Panday nicht in die Wiege gelegt. Seine mittelständische Familie lebte in Kanpur, südöstlich von Delhi. Und da die Möglichkeiten im damaligen Indien auch für Universitätsabsolventen beschränkt waren, wollte er so schnell wie möglich ins Ausland ziehen. 1975 landete Panday mit der Hilfe seines Bruders und mit knapp 5 $ in der Tasche in Toronto, wo er, wie bei vielen Immigranten üblich, seinen Lebensunterhalt vorerst mit Tapezierarbeiten und ähnlichen «odd jobs» verdiente. Der Sinn stand ihm indessen nach mehr: Er besuchte in diesen frühen Jahren Computer- und Buchhaltungskurse, und nach absolviertem Buchhalterdiplom fand er bei PriceWaterhouse Unterschlupf. Damals entschied er sich für das Bankgeschäft, und in den folgenden Jahren bis 2003 machte er Karriere bei Instituten wie der Bank of Montreal und der HSBC. Erst die ICICI ermöglichte ihm, eine Marktnische zu füllen, für die sich offensichtlich niemand ernsthaft interessierte. Die eigene Erfahrung hat Hari Panday gelehrt, dass es für einen Einwanderer nicht einfach ist, sich im Dschungel eines fremden Banksystems mit vergleichsweise hohen Mindestanforderungen zurechtzufinden.
ICICI Canada macht es potenziellen Kanada-Einwanderern möglich, sich bereits in der Heimat auf ihr künftiges Gastland vorzubereiten. So ist es möglich, in jeder der indischen ICICI-Filialen ein Konto zu eröffnen und dieses ohne grossen Aufwand nach Toronto oder Vancouver zu transferieren. Auch in die umgekehrte Richtung funktioniert dies reibungslos: Gelder für die in Indien zurückgebliebene Familie können am andern Tag an einer beliebigen ICICI-Filiale auf dem Subkontinent abgeholt werden; der effektive Transfer lässt sich in nur vier Stunden bewerkstelligen. Der rasche Geldtransfer von und nach Asien ist längst nicht mehr der einzige Trumpf der Bank. Vielmehr bietet ICICI Canada mittlerweile ein breites Dienstleistungssortiment an, das mehr und mehr auch ausserhalb des asiatischen Kundenstammes Anklang findet. So soll von den rund 200 000 Online-Kunden nur noch ein Drittel indischer Herkunft sein. Deshalb spielt es in der Tat kaum eine Rolle, dass das Hauptquartier der ICICI-Bank abseits der Bankentürme an der Bay Street liegt. Hari Panday kennt seinen Laden so oder anders in- und auswendig. Auf die Frage, wieviele Kunden er im arktischen Nunavut habe, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: 57!
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