Wirtschaft im Gespräch

Das Firmenimperium von Ricardo Salinas ist in den letzten Jahren kräftig gewachsen.

Das Firmenimperium von Ricardo Salinas ist in den letzten Jahren kräftig gewachsen.

02.06.2008,

Neue Zürcher Zeitung

Der Staat gibt – der Staat nimmt

Der mexikanische Milliardär Ricardo Salinas hadert mit der Politik

axg. Mexiko-Stadt, im Mai
Ricardo Salinas Pliego umgibt die Aura des souveränen Siegers. Der mexikanische Unternehmer bewegt sich unauffällig, spricht sanft und stets mit einem Lächeln. Salinas tut dies im Bewusstsein, dass einer wie er selbst an einem elitären Anlass wie dem Weltwirtschaftsforum über Lateinamerika zu jenen gehört, denen die Augenpaare des Fussvolkes verstohlen folgen. Im Alter von 32 Jahren übernahm er 1987 die Führung des Familienunternehmens Elektra, das Möbel, Elektronik- und andere Haushaltgeräte verkaufte. Vater Hugo war seinerseits Familienunternehmer in dritter Generation gewesen – kein unbedeutender dazu. Aber erst seinem Sohn gelang es dank einer gezielten Expansionsstrategie in die Massenkommunikation, in die oberste Etage der Unternehmerschicht aufzusteigen. Allein seit dem Jahr 2000 ist sein Vermögen laut dem Magazin «Forbes» von 1,4 Mrd. auf 6,3 Mrd. $ angeschwollen.

In den vergangenen zwölf Monaten hat Salinas allerdings zwei kräftige Hiebe einstecken müssen. Im Juni 2007 erklärte das Oberste Gericht Mexikos eine Gesetzesreform für verfassungswidrig, die den Einstieg in den Fernsehmarkt de facto verunmöglicht und damit das Duopol von Salinas' TV Azteca und von Televisa perpetuiert hätte. Es war noch in der alten Legislatur gewesen, als das Parlament das Gesetz zugunsten der Mediengiganten durchgewinkt hatte. Die Parlamentarier der laufenden Legislatur sind weniger gefügig, im Gegenteil: Letzten Herbst verabschiedeten sie ein Wahlrecht, das vorab den grossen Parteien PAN, PRI und PRD auf allen Fernseh- und Radiokanälen grosszügige Werbefenster einräumt.

«Dieses Gesetz ist eine Schande», sagt Salinas. «Die Politiker haben uns einen Teil der Sendezeit schlicht geraubt.» Er reagierte in der Art und Weise des Macht- und Erfolgsgewohnten. In den ersten Monaten nach der Reform genossen jene Politiker grosse Fernsehpräsenz, die das Gesetz zumindest nicht aktiv unterstützt hatten. Alle anderen verbannte Salinas vom Bildschirm. Zudem sendete TV Azteca keinen einzigen Werbespot der Parteien aus. Mittlerweile hat sich dieser Sender nach einem Gerichtsurteil bereit erklärt, die gesetzlich festgelegte Sendezeit zur Verfügung zu stellen. Doch Salinas hat nicht aufgegeben und eine Verfassungsklage eingereicht.

«Die grossen Parteien wollen die Macht, die uns unser Publikum verschafft, an sich reissen», beklagt er sich – und gibt damit zu verstehen, um was es wirklich geht: PAN, PRI und PRD wollen sich von der Abhängigkeit von TV Azteca und Televisa freimachen. Die politische Gunst der Stunde hat sich gegen Salinas gewendet, denn die vergangenen Jahre waren für ihn auch deshalb so einträglich, weil er zum Umkreis von Präsident Fox beste Beziehungen unterhielt. Diesen war es zu verdanken, dass die Medien-Werbefenster von Regierung und Parteien stark gekürzt wurden oder dass sich TV Azteca und Televisa erfolgreich gegen eine Konzession für die amerikanische Fernsehanstalt NBC und deren mexikanische Partner wehrten.

Ob so viel politischem Engagement darf nicht vergessen gehen, dass Salinas ein fähiger Unternehmer ist. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat er Elektra zu einer Gruppe ausgebaut, die in ihren Filialen auch eigene Bank- und Versicherungsdienstleistungen anbietet. Zudem dienen ihre Läden als Absatzkanal für das Mobilfunkunternehmen Iusacell, das sich mit 4 Mio. Kunden gegenüber dem Marktführer Telcel noch klein ausnimmt, seinem Mehrheitsaktionär Salinas aber dennoch Freude bereitet. «Wir wachsen, weil wir den Kunden nicht nur technisch das beste Angebot bieten. Dank den Programmen von TV Azteca, die auf unserem Netz live verfolgt werden können, sind wir auch inhaltlich besser als Telcel», sagt Salinas mit Stolz und führt den Gesprächspartner mit dem eigenen Mobiltelefon in seine multimediale Welt ein.

Salinas' Expansionsdrang treibt ihn in immer neue Branchen. So hat er Ende 2007 angekündigt, vom chinesischen Hersteller FAW Autos zu importieren, die er mittelfristig selber produzieren wolle. Den Vertrieb sowie die Finanzierungsund Versicherungsdienstleistungen werde Elektra übernehmen. Auch geografisch überschreitet Salinas immer neue Grenzen. In den USA ist er mit dem Fernsehsender Azteca America seit Jahren präsent. Nun sucht er für TV Azteca in ganz Lateinamerika Partner. «Dieses Geschäft ist stark abhängig von lokalen Begebenheiten, das kann man nicht per Fernbedienung machen», sagt er.

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