Wirtschaft im Gespräch

John Taylor beschäftigt sich nicht nur mit Politik-Regeln, er war auch für die Einführung einer neuen Währung im Irak verantwortlich.

John Taylor beschäftigt sich nicht nur mit Politik-Regeln, er war auch für die Einführung einer neuen Währung im Irak verantwortlich.

24.09.2007,

Neue Zürcher Zeitung

Der Mann im Hintergrund der Geldpolitik

John Taylor hat mit seiner Regel die Zentralbankenwelt verändert

mbe.

Ben Bernanke, Jean-Claude Trichet, Alan Greenspan – das sind die Namen, die in den vergangenen turbulenten Wochen der Finanzmarktkrise das «Gesicht» der Geldpolitik in der Öffentlichkeit geprägt haben. In den Schlagzeilen taucht ein anderer Name kaum je auf, aber er ist in der Welt der Zentralbanken kaum weniger geläufig: John Taylor. Der Stanford-Professor hat 1993 die «Taylor-Regel» erfunden, die in der Geldpolitik seither breite Beachtung und Verwendung gefunden hat. Es ist eine einfache Regel, die den Zentralbanken ein Instrument in die Hand gibt, wie sie die nominalen Zinssätze festlegen sollten. Nach Taylor brauchen die Geldpolitiker lediglich darauf zu achten, wie stark die gegenwärtige Inflation von der gewünschten Teuerung und wie sehr das laufende Wirtschaftswachstum vom langfristigen Potenzialwachstum abweicht. Die Abweichungen werden dann gewichtet, und die Formel spuckt mechanistisch eine Empfehlung aus, wie mit den Zinssätzen zu verfahren ist, um inflationsfreies Wachstum zu garantieren.

Ist die «Taylor-Regel» eine gute Regel? Ihr Erfinder ist selbstredend überzeugt davon. Er weist darauf hin, dass zwar keine Zentralbank auf der Welt seine Regel offiziell anwende. Aber die Formel erkläre das Verhalten der Zentralbanken im Nachhinein gut – so, als ob sie die Regel anwendeten. Taylor begründet dies damit, dass viele Notenbanken, unter anderem das amerikanische Fed, bei der Vorbereitung ihrer geldpolitischen Entscheide Regeln wie seine zu Rate zögen. Er hält dies für eine gute Entwicklung, denn sie habe die Geldpolitik berechenbarer und transparenter gemacht. Sie habe auch einiges dazu beigetragen, dass die Zentralbanken in den vergangenen 15 Jahren bei der Inflationsbekämpfung so erfolgreich gewesen seien. Ein interessanter Beleg dafür sei, dass seine Regel das Verhalten der Notenbanken in den siebziger und frühen achtziger Jahren kaum abbilden könne – damals sei die Geldpolitik eben noch schlecht gewesen.

Wäre es tatsächlich sinnvoll, wenn sich die Zentralbanken alleine auf eine normative, mechanistische Regel verliessen? Taylor räumt ein, dass die Geldpolitik immer Spielraum besitzen müsse und sie zu einem gewissen Grade eine «Kunst» bleibe. Es gebe immer Ereignisse, die mit einer einfachen Regel nicht einzufangen seien, etwa ein grosser Einbruch der Aktienmärkte. Auch bei der Entscheidung des Fed von vergangener Woche, die Zinssätze um 25 oder 50 Basispunkte zu senken, hätte seine Regel kaum geholfen – sie habe nur angezeigt, dass die Zinsen zu senken seien. Aber Taylor, der anlässlich einer Konferenz der Schweizerischen Nationalbank in Zürich weilte, weist auch darauf hin, dass das Fed manchmal gut daran täte, seine Regel längerfristig enger zu befolgen. In den Jahren von 2002 bis 2004 seien die Zinssätze seiner Formel gemäss zu tief gewesen; das sei wohl mit ein Grund dafür, dass an den Finanzmärkten die nun beobachtbaren Probleme entstanden seien.

Mit seiner Regel hat der Akademiker Taylor einen erstaunlichen Einfluss auf die praktische Wirtschaftspolitik gehabt. Es verwundert deshalb nicht, dass der 60-Jährige das Grenzgängertum zwischen Wissenschaft und Praxis als eine seiner wichtigsten Lebenserfahrungen bezeichnet. Taylor hat in seiner Karriere verschiedene Male für die amerikanische Regierung gearbeitet, zuletzt von 2001 bis 2005 als Leiter der internationalen Abteilung des US-Finanzministeriums.

So kommt es, dass er unvermittelt von seinen Erlebnissen erzählt, als er nach den amerikanischen Invasionen in Afghanistan und im Irak dafür verantwortlich war, dort ein stabiles Finanzsystem aufzubauen. Im Irak habe man etwa eine komplett neue Währung eingeführt: Die alten Banknoten und Münzen hätten eine lange Hyperinflation hinter sich gehabt, seien nicht fälschungssicher gewesen – und sie seien vor allem mit dem Porträt Saddam Husseins versehen gewesen. So sei es nötig gewesen, 27 Jumbo-Ladungen einer neuen Währung in den Irak zu fliegen und dort unter die Leute zu bringen. Die Operation sei gut gelungen, ebenso wie der Aufbau einer unabhängigen Zentralbank im Zweistromland, die in den vergangenen vier Jahren die Stabilität der Währung gegen alle Widerwärtigkeiten sichergestellt habe. Es seien solche Erfahrungen, die er nicht missen möchte, sagt Taylor – denn der Bezug zur Praxis sei ihm auch bei seinen akademischen Leistungen, wie der Erfindung der Taylor-Regel, immer eine wichtige Inspiration gewesen.

Frühere Beiträge

06.04.2009

Neue Zürcher Zeitung

Vom Spielmacher zum Bankchef

Frédéric Oudéa setzt bei der Société Générale auf Teamgeist

30.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

«Unsere Strategie wird nicht verstanden»

Aaron Regent – der neue CEO des Gold-Förderers Barrick Gold

23.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

Mit klassischen Geschäften zum Erfolg

Der Bankier Mittendorfer vertraut dem Bankenplatz Tschechien

16.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

Noch nimmt der Konjunkturpessimismus zu

IMF-Chefökonom Olivier Blanchard erwartet eine lange Rezession

09.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

Keine Fusion von BMW und Daimler

Für BMW-Chef Reithofer geht Liquidität derzeit vor Profitabilität

02.03.2009

Neue Zürcher Zeitung

«Russland hat das richtige Modell für die Krise»

Der Milliardär Andrei Melnitschenko gibt sich gelassen

23.02.2009

Neue Zürcher Zeitung

Den Handelsinteressen des Südens verpflichtet

Samuel Amehou – die Stimme der Baumwollproduzenten Afrikas

16.02.2009

Neue Zürcher Zeitung

«Nicht kotiert zu sein, ist wunderbar»

Jim Goodnight – Chef des US-Software-Unternehmens SAS Institute

09.02.2009

Neue Zürcher Zeitung

Ein Manager mit weitem kulturellem Horizont

Léo Apotheker – Co-Chef des Softwareanbieters SAP

02.02.2009

Neue Zürcher Zeitung

Ein passionierter Segler am Steuer von Finnair

Jukka Hienonen über die Asien-Strategie und die Flugkrise

26.01.2009

Neue Zürcher Zeitung

Auf der Suche nach neuen Wachstumsmärkten

Boris Nemsic – Vorstandschef der Telekom Austria

19.01.2009

Neue Zürcher Zeitung

Ein Werbebotschafter für Kosovo

Lutfi Zharku – Industrieminister von Europas jüngstem Staat

12.01.2009

Neue Zürcher Zeitung

Grosse Pläne mit der kleinen Bohne

Dang Le Nguyen Vu – Vietnams Kaffeekönig

05.01.2009

Neue Zürcher Zeitung

Brasiliens Erfolgs-Banker auf Einkaufstour

Roberto Setúbal sucht für seine Bank Itaú einen Platz in der Welt

29.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein erfolgreicher Motivationskünstler

Alistair Cox führt den britischen Personalvermittler Hays

22.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Ich bin keine soziale Institution»

Die Chefin der Asperger Informatik stellt bevorzugt Autisten ein

15.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

Die Klimapolitik verlangt saubere Annahmen

William Nordhaus' Mischung aus Nüchternheit und Engagement

08.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der reiche Phönix von der Wall Street

Financier Wilbur Ross setzt auf die ungeliebten Verlierer

01.12.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Mann voller Tatendrang und Optimismus

Alain Spinedi erweckt die Uhrenmarke Louis Erard zu neuem Leben

24.11.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Die Strommarktliberalisierung reizt mich»

Der neue Swissgrid-CEO Pierre-Alain Graf tickt anders

17.11.2008

Neue Zürcher Zeitung

Deutscher Starrkopf trifft verrückten Künstler

Franz Kook leitet die Schwarzwälder Familienfirma Duravit

10.11.2008

Neue Zürcher Zeitung

Handelsdiplomatie und Alpinismus

Botschafterin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch sieht Parallelen

03.11.2008

Neue Zürcher Zeitung

Eine serbische Geschichte

Notenbankchef Radovan Jelasic – mit klarem Kurs in rauer See

27.10.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Die harte Restrukturierung steht noch bevor»

Der neue Clariant-Chef Hariolf Kottmann erläutert seine Pläne

20.10.2008

Neue Zürcher Zeitung

Geschäftssinn und Macht des Patriarchen

Fast alle Mexikaner arbeiten Carlos Slim in die Tasche

13.10.2008

Neue Zürcher Zeitung

Unbekannter Marktführer

Ecolab-Chef Baker erläutert das Modell des Hygiene-Spezialisten

06.10.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Die Ära des Verlegens von Fabriken ist vorbei»

Masahiko Mori zur Industrienatur Japans, Europas und Amerikas

29.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der Kampf um das Vertrauen der Sparer

Sheila Bair – Chefin der US-Einlagenversicherung FDIC

22.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

Das Millionengeschäft mit Millimeterschnitten

Ivo Pitanguy – Brasiliens Pionier der Schönheitschirurgie

15.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Höre immer auf, bevor ich Neues beginne»

Unternehmer Giorgio Behr baut sich ein Konglomerat

08.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Vollblut-Ingenieur im Cockpit von Saab

Ake Svenssons spannende Reise vom Praktikanten zum Konzernchef

01.09.2008

Neue Zürcher Zeitung

DuPont – ein «Wissenschafts-Unternehmen»

Unternehmenschef Holliday fühlt sich von der Börse missverstanden

23.08.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Direktor für das Unnötige»

Urs Kienberger – Miteigentümer des Hotels Waldhaus in Sils

18.08.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der Juwelier der Reichen und Schönen

Für Laurence Graff sind Diamanten Passion und Geschäft

11.08.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein charmanter «Eisenmann»

Der Chef des Bergbaukonzerns Vale ist ein Senkrechtstarter

04.08.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Kreuzritter gegen die Mafia

Siziliens Arbeitgeberpräsident Lo Bello bietet Cosa Nostra die Stirn

28.07.2008

Neue Zürcher Zeitung

Lichtspender in einem dunklen Geschäft

Anthony J. Denny – CEO des Gebrauchtwagenhändlers AAA Auto

21.07.2008

Neue Zürcher Zeitung

Die Loyalität in Person

Russell Artzt kittet den angeschlagenen Ruf der Software-Firma CA

14.07.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der Geldmacher

Karsten Ottenberg leitet die Technologiefirma Giesecke & Devrient

07.07.2008

Neue Zürcher Zeitung

Nüchternheit in der Wettbewerbspolitik

F. Mike Scherers besorgter Blick auf Europas Hochschulen

30.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

Vom Verfahrensingenieur zum Duftmischer

Gilles Andrier macht Givaudan als Global Player fit

23.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

«Auch die traditionelle Industrie hat Zukunft»

Franz-Josef Albrecht – Verwaltungsratspräsident der CPH

15.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

Wohnbau, Skilifte und Schifffahrt

Die drei Unternehmer-Leben des Walter Klaus

09.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

Die Marktführerschaft in Europa als Ziel

Marc Zahn gestaltet die Expansion der Derivatebörse Scoach

02.06.2008

Neue Zürcher Zeitung

Der Staat gibt – der Staat nimmt

Der mexikanische Milliardär Ricardo Salinas hadert mit der Politik

26.05.2008

Neue Zürcher Zeitung

Mit grosser Konsequenz an Europas Spitze

Hans Peter Haselsteiner ist mit der Strabag fast am Ziel

19.05.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Ökonom im Haifischbecken der Politik

Wirtschaftsprofessor Herbert Grubels Sinn für Unkonventionelles

04.05.2008

Neue Zürcher Zeitung

26.04.2008

Neue Zürcher Zeitung

Ein Leben für die FlatTax

Alvin Rabushkas unermüdlicher Einsatz für bessere Steuersysteme

21.04.2008

Neue Zürcher Zeitung

Schnell im Beruf und auf der Strasse

Xenia Judajewa ist die neue Chefökonomin der Sberbank

Wirtschaft im Gespräch - erscheint regelmässig am Montag im Wirtschaftsteil der «Neuen Zürcher Zeitung».